Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist ein ungeheures Vorurteil, daß ein Schmerz überhaupt von etwas kommt. Wir wissen freilich, daß, wenn ich dort die Haut steche, es weh tut. Aber lange nicht immer. Wenn ich abgelenkt bin, wenn ich in Hypnose bin, tut es nicht weh. Und wenn ich krank bin, kann schon die Berührung weh tun. Es kommt also vieles, sicher der Zustand, vielleicht der Gesamtzustand meiner Person zusammen, um zu entscheiden, ob „etwas" weh tut oder nicht. Das „Etwas" ist also „Nichts", es sei denn in Beziehung auf den Zustand einer Person. Wenn also das Etwas immer dasselbe (z. B. der Nadelstich) ist, dann ist es jedenfalls immer so lange nichts, als die Gesamtperson nicht empfänglich für Schmerz ist. Da die Gesamtperson überdies auch ohne diesen Nadelstich Schmerz haben kann, so ist die Nadel gar nicht obligatorisch. Es ist also keine logische Notwendigkeit aus der Natur der Beobachtungen abzuleiten, daß Schmerzen überhaupt von „Etwas" kommen. Es könnte so sein, aber man kann es nicht beweisen, ja man kann nicht einmal eine überwiegende Wahrscheinlichkeit beweisen. So stößt die Praxis auf die Regellosigkeit, mit der Schmerzen kommen und gehen, und die Theorie hilft sich damit, daß sie etwas sehr Kompliziertes annimmt. Die Regellosigkeit wäre dann scheinbar, indem nur wir nicht imstande sind, die Kompliziertheit zu übersehen; könnten wir es, dann fänden wir statt sehe nbaren Zufalles nur Notwendigkeit. Ein anderer Ausdruck für die Kompliziertheit wäre dann nur, wenn wir dafür sagen: ganze Person. So kann man sagen, die ganze Person bedinge oder bilde den Schmerz. - Aber man kann dann auch umgekehrt sagen, der Schmerz wirke und bilde die ganze Person. Heftiger Schmerz kann die gesamte Muskulatur und vielleicht sämtliche Sinne in Mitleidenschaft ziehen (es wird grün und blau vor den Augen und wir „hören die Engel singen64); Schweiß und Röte des Gesichts, Beschleunigung von Puls und Atmung, lauter Schrei und Verwünschung und Hilferuf sind allein die äußerlich sichtbaren Zeichen organischen Aufruhrs. Sie sind zugleich o o Zeichen der Schmerzar&eif. Es ist aber doch nicht wahr, daß die ganze Person jetzt vom Schmerz gebildet wird. Die Schmerzarbeit ist zwar ein persönliches Produkt, aber, wir sahen schon, zugleich Entwindung von einem Es im Schmerz. So w ird jetzt die Schmerzarbeit wesentlich solche ,,Verarbeitung**. Es ist aber gar nicht erwiesen, daß diese Verarbeitung eine Umwandlung des Schmerzes