Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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das Denken, nicht der Geist sind seine Sache. Ein technisch gestimmtes Zeitalter gibt ihm recht und vereinfacht diese Sache, die im Aufbau des ärztlichen Studiums noch so kompliziert erschien. Es gibt Methoden, um Schmerzen zu beseitigen: z.B. beim Magengeschwür durch Operation, bei der Hysterie durch Hypnose. Manchmal auch umgekehrt: beim Magengeschwür durch Hypnose, bei der Hysterie durch Operation. Warum nicht? Freilich, hier keimt eine Sorge, ob die Fahrt noch sicher sei bei solcher Auswechselbarkeit der Methode? Und nun kommt die Meinungsverschiedenheit der Ärzte untereinander und schlimmer noch die Unzufriedenheit der Kranken. Und es zeigt sich, daß die Beruhigung in der Methodenwahl gestört ist. Konkurrenz, Kurpfuscherei, Gebetsbehandlung sind da. Die Gesellschaftsordnung ist gestört, die bürgerlichfreie Existenz des Arztes in Verfall, die akademische Medizin angefochten, mit der äußeren Sicherheit schwindet die innere und mit dieser wieder jene. Es zeigt sich: die Welt ist doch komplizierter als gedacht, aber die Kompliziertheit ist jetzt eine andere als die, welche im Studium sich zeigte. Alle Sachen stehen in einem rätselvollen, halb chaotischen, halb zwangläufigen Gefüge! Dieselbe Neuralgie, die unter der einen Behandlung nicht weicht, tut es unter einer ganz anderen, und dieselbe Behandlung, die hier half, tut es dort nicht! Und wie unsäglich kompliziert ist die Beurteilung, nas denn nun eigentlich den Ausschlag gab: das Mittel, das Klima, der Bankkrach, die Verliebtheit, die Diät, die Persönlichkeit des Arztes? Ja, die Sachen sind kompliziert! Sie sind noch unzählige Male komplizierter als es hier gesagt ist, ja als man es überhaupt sagen kann. Unzählige Faktoren sind aufzuzählen, Konstitution, Vererbung, Infektion, Reaktion, Disposition, Lokalisation; aber sie bilden kein deutliches System zusammen, und man kann nicht gut abmessen, wie groß das Gewicht dieser Faktoren im Einzelfalle ist. Immerhin beherrschen wir durch sie die Struktur des Falles. Aber wir kennen nicht die Prinzipien, nach denen jene Faktoren ihre Kräfte miteinander messen, wir kennen nicht gut das Verlaufsgesetz eines Kampfes zwischen Infektion, Disposition, Reaktion. Es ist im Verlauf einer Krankheit etwas Unberechenbares mit dabei und es gehört zum Wesen der Krankheiten, daß es mit dabei ist. Es kann nicht ein logisches, nicht ein mathematisches Gesetz sein, welches diesen Verlauf bestimmt; wie lautet dieses nichtlogische und nichtmathematische Gesetz aber? Woher kommt denn z. B. der Schmerz? 326