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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 79)
Language
German
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aber sie ist solange unsichtbar, als der Schnitt nicht trennt,als der Schmerz nicht entbrannt ist: diese Ordnung ist eine schlafende Ordnung. So spüren und entdecken wir ja unser Organ, sei es Magen oder Herz, oft erst, wenn es schmerzt, so wissen wir um den vollen Sinn und Wert eines <Liedes erst, wenn es amputiert wird. So holt der Schmerz ein Inneres und Unteres erst herauf ans Licht des Bewußtseins und jene unsichtbare schlafende Ordnung ist also eine geheime und eine innere Tiefe des Daseins, die aber sichtbar werden kann; aufgebrochen, bloßgelegt wie im 7 1 c1 n r* Sektionssaal wird ein Inneres, und ebenso heißt Arzt-sein Hinein-undherabsteigen-Können zu dieser Region. Die Hinwendung zum Sehmerz ö o c? bedeutet jetzt noch dies weitere: ein Eindringen hinter da-, was die schützende und rundende Haut bedeckt, ein Durchblicken durch sie zudem, was sie versteckt und verschweigt. Das Weltbild des Arztes muß ein indiskretes, muß ein gleichsam verzerrtes sein; denn blickt er nicht hinter die Kulisse, so sieht er - falsch, wie der ästhetische Zuschauer falsch sieht, wenn er die Szene durch die Kulisse betrachtet. Möge der Arzt doch nie vergessen, daß er mit seinem richtigen Weitbild zum künstlerisch falschen Weltbild verurteilt ist, daß seine „Kunst" nicht Kunst ist. So wird er aber auch nicht durch die Geisterfahrung allein die Schmerzerkenntnis gewinnen, die ihm nottut. Erzählung in Begriffen Nichts von alledem war der kleinen Hand bewußt, als sie die Wange des Bruders streichelte. Anderes braucht der Kandidat der Medizin und der Arzt. Er braucht die Anatomie der Schmerznerven, braucht die Theorie und Praxis der Lokalanästhesie und Narkose, braucht die Verordnungslehre von Morphium und Aspirin, die Technik der Suggestion, der Hypnose, der Psychotherapie; er braucht die Klinik der Schmerzsymptome, die Typik der Organschmerzen, und seine Lebens-Erfahrung als Arzt wird ihn den Gebrauch und die Grenzen von allem diesem Wissen lehren - und doch nie genug lehren. Aber trotz der Grenzen wird er seinen Kranken und sich selbst genugtun, sein Wissen wird längst genügen, wo er nur ein geschickter, ein gewissenhafter, ein treuer Arzt ist. Längst, so meint er, fand er, daß Philosophie am Krankenbett nichts nützt. Längst auch, daß eine gute Technik viel nützt, eine falsche Physiologie oft wenig schadet. Er ist auch kein Grübler; nicht die Frage, nicht der Zweifel, nicht

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