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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 76)
Language
German
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nis; Phänomenologie, Physiologie und Biologie stehen unwissend vor der Verkettung der Zeugung und Erziehung mit dem Schmerz. Und so muß endlich ganz klar werden, daß wir nicht nur sagen müssen, was der- Schmerz eigentlich ist, sondern auch fragen, was eigentlich er wirkt. Und hier dürfen wir auch nicht allein vereinfachen: „der" Schmerz, sondern müssen scheiden: „die" Schmerzen. Anders schmerzt der Zahn als die Zehe, anders das Messer als das Feuer, anders der Leib als die Seele. Ja sogar: verschieden schmerzt mein Daumen von meinem Zeigefinger, mein linkes und mein rechtes Auge. Die Schmerzen des Kindes sind anders als die des Alters, die des Mannes anders als die der Frau, die meines Bruders anders als die meinen. Anders der Schmerz des Kriegers als der des Kranken, anders der des Gefolterten als der der Gebärerin. Ein Unterschied ist auch zwischen dem Schmerz und der Qual, der Qual und der Pein. So ist an seinen Früchten zu erkennen, was er ist; aber auch aus der Mannigfaltigkeit seiner Arten stammt ein Hinweis, wohin er wirkt. Er kann zwar als eine Affektion des Ich durch ein Es, aber auch mit ebensoviel Recht als ein Erzeuger eines Es durch ein Ich bezeichnet werden. Beides sind uneigentliche Ausdrucksweisen. Wohin also wirken die Schmerzen? Zum ersten dahin, daß ich durch den Schmerz erst erfahren kann, was mein ist und was ich alles habe. Daß meine Zehe, mein Fuß, mein Schenkel und von der Erde, auf der ich stehe, bis herauf zu meinem Kopfhaar alles mir gehört, erfahre ich durch Schmerzen, und durch Schmerzen erfahre ich auch, daß ein Knochen, eine Lunge, ein Herz und ein Mark da sind, wo sie sind, und jedes von allen diesen führt seine eigene Schmerzsprache, spricht seinen eigenen „Organdialekt". Daß ich sie alle habe, kann ich freilich auch sonst bemerkt haben, aber der Schmerz lehrt mich allein, wie teuer sie mir sind; den Preis und Wert von jedem einzelnen für mich erfahre ich allein durch Schmerzen, und dieses Gesetz der Schmerzen durchherrscht in gleicher Weise den Preis der Welt und ihrer Dinge für mich. Auch von der Welt kann man fast alles haben, „besitzen", aber die Entscheidung, was mein Eigentum ist, diese große Jurisdiktion der wahren Einverleibung spricht wieder nur das Schwert der Schmerzen. Sie sind der trennende Kitt, der verlötende Spaltraum, der die Welt zusammenhält und auseinanderhält; nicht nach der Ordnung der chemischen Verbindung, der molekularen Kohäsion, dynamischen

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