Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen Sinne. Gerade, daß diese Unterscheidung noch schwebt, zeigt deutlich die Unfähigkeit des rein objektiven Es-Denkens (welches das naturwissenschaftliche ist) den Schmerz richtig zu denken, nämlich eben als schwebende Entscheidung zwischen Ich und Es. Als schwebender Kampf um die Zertrennung eines Lebendigen ist der Schmerz also Ursprung und Zwang zu einer Entscheidung: entweder Vollzug und Verewigung dieser meiner Trennung von meinem Teil oder- Wiederherstellung meiner Einheit, d. h. Verheilung. Das abgetrennte Glied wird sterben, das angeheilte wird leben. Diese vom Schmerz erzwungene Entscheidung zwischen Trennung und Verheilung ist so auch ein Gleichnis der Entscheidung zwischen Tod und Leben. Gleichnis aber bedeutet hier nicht luftiges Symbol, nicht phantasieartige Entfernung von der Wirklichkeit, sondern Gleichnis bedeutet hier, daß an einem Teil geschieht, was einstmals am Ganzen geschehen wird: Entscheidung zwischen Tod und Leben. Jeder Schmerz ist so vielleicht eine V orahnung de* Todes, aber lieber möchte man sagen, eine nahende Entscheidung über den Teiltod eines meiner Glieder. Nicht aller Schmerz aber verkündet Teiltod. nicht alle Trennung zieht ein Sterben nach sich. Daß die Jungfrau verletzt, das wartende Ei \um vordringenden Samen geschürft, die umschließende Erde \om Schößling aufgebrochen, die schützende Hülle von der Knospe gesprengt, daß die Kinder mit Schmerzen geboren werden - all dieses zeigt den Schmerz in seiner LTmschlingung mit dem Werden, in seiner Umarmung mit der Lust. INicht aus dem Chaos schafft ja der Mensch die Form, sondern von gestalteter alter Form löst er sich zu neuer Form, zwingt er sein Dasein zur Wandlung. Und dies Lösen von alter Form, dies Hineindrängen zu n* uer Form geschieht unter Lust und Schmerz, ja unter Sehmerzhist. Schöpferisch geschieht es ihm, der er, nicht selbst Erschallender, -ich doch im Wandel entscheiden muß. Nicht jeder Geschundene wird auch erzogen, aber jeder Erzogene ward auch geschunden. Der Erziehung-schmerz, der im Erziehenden gleichwie im Erzogenen waltet, ist Anzeichen zerbrechender Form, Vorzeichen werdender Form oder der Vernichtung. Zeugungsschmerz und Erziehungsschmerz aber stehen in der Phase des V\ andels, darin ein Vergehen oder ein Sein werden soll. Und die Erfahrung dieser Paradoxie und dieser Wirklichkeiten macht alles bisher Gesehene und Gesagte zu einer bloßen Vorstufe der Erkennt-