Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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uns, zu einem Punkt an uns, einem Stück von uns, Ist er, der Schmerz, ein Ich-Zustand oder ein Es-Zustand? Gehört er mir oder der Umwelt? Bezeichnet er mich oder ein Nicht-Ich? Sicher gehört er nicht einem Außending an wie die Farbe, die Form, die Elastizität jenem Gummiballe. Aber er gehört auch nicht so nur zu mir wie meine geheimen Gedanken. Sondern er hat von beiden etwas, er scheint der deutlichste Vertreter der Affektion des Ichs durch das Es, der Eigenheit durch Fremdheit; nichts ist bezeichnender für die Entivindung des Ichseins von einem Nichtich- Seienden als der Schmerz; ja, wir möchten sagen, er sei recht eigentlich der Ursprung und Vater dieser Entwindung, der Anfanger aller Entdeckung der Umwelt, der Wecker aus dem Traum unserer ungestörten Identität mit der Welt. Er zeigt mir das Es, aber er verbindet mich zugleich mit ihm: er verlötet mein Sein mit dem der Welt ebenso stark wie er mich von ihr trennt. - Der Schmerz ist zugleich ein Zustand und ein Vorgang, ein Beharrliches, aber auch zu seiner Beseitigung Drängendes. Dieser beharrliche Drang, dies etwas Haben und zugleich etwas Wegdrängen, dieser dynamische Schwebezustand im Schmerz kann auch analysiert werden als Resultante zweier Kräfte, einer verbindend-vereinheitlichenden und einer trennend-vervielfältigenden. Dann sagen wir: im Schmerz will ein Sein sich spalten in ein Ich und ein Es und will zugleich dies Sein seine Einheit bewahren. So ist der Schmerz ein durchaus polares Phänomen und es ist eine nachträgliche Konstruktion, wenn wir (physiologisch, naturwissenschaftlich) sagen, er sei die Folge46 der Trennung, oder der Schnitt ins Gewebe sei die „Ursache64 des Schmerzes. Wer sich so ausdrückt, hat bereits den Schmerz hinter sich, hat bereits die Trennung anerkannt, welche ihn von seiner Umwelt scheidet, und seine Ausdrucks weise ist eine denkende Abstraktion von dem, was im Urphänomen geschah; aus dem polaren Phänomen wird so durch Denken die kausale Reihe, in welcher die abstoßende Kraft über die zusammenhaltende bereits triumphiert hat. Der Physiologe nämlich hat vergessen, daß im Schmerz ursprünglich die Zweiheit von Ich und Es zwar schon sich ankündigt, aber noch nicht vollzogen ist: noch ist mein Zahn der mez/ie, solange er schmerzt, ich habe seine pure Es-Qualität noch nicht vollzogen, und noch sind zwei Möglichkeiten offen: er heilt und wird wieder ganz mein „Eigentum66, oder „er muß heraus66 und ist dann nur noch ein „Besitz66, der den Besitzer wechseln kann - selbst im juristi- 320