Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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Nochmals also: kann man ihn, den gestaltlosen, geistlosen, unvernünftigen, den eigentlich nicht zu verstehenden, nicht zu erkennenden, gar nicht fassen? wo nicht begreifen, so doch ergTeifen? Nicht ergreifen, aber von ihm ergriffen werden. In der Sympathetik alles Lebendigen ist ja der Schacht vorgebildet, auf dem die Ansteckung von Einheit zu Einheit sich ausbreitet, so daß ein Gefühl alles Lebendige als ein Strom durchwaltet. Ein zerspringendes, ja schon ein fallendes Glas tut auch mir weh, schmerzlich bin ich mit allem verbunden was zerspringt, zerreißt, zergeht, zerstäubt. Nicht anders vor der Gebärde des Verwundeten, der Kachexie des Kranken, der Verdüsterung des Melancholischen. Freilich ist auch diese ganz vitale Sympathetik nicht L rsache jener Hinwendung; ich kann taub sein gegen springendes Glas, blind sein gegen fremdes Leiden und ich kann das, was ich nicht bin, doch machen: mich taub und blind machen gegen dieses alles. Der sympathetisch erfahrene Schmerz ist auch nicht wie der eigene, der wirkliche, oder besser : seine Wirklichkeit ist der Art nach eine andere als die dessen, der den Schmerz hat. Er entspringt ja, kritisch gesprochen, nicht der Wahrnehmung des Schmerzes selbst, sondern nur der seines Ausdrucks. Er ist wohl ein Schmerz von mir, aber er ist unfehlbar als einer in mir, dem ich mich nun entweder zuwenden oder von dessen Anblick ich mich entfernen werde. So ist in der Tat eine zwiefache Erfahrung des Schmerzes schon in der Urszene gegeben, die sich aber nicht als Intensitätsunterschied begreifen läßt, sondern als Doppelbewegung zweier Lebewesen. Der andere nämlich, der den Schmerz hat, ist im Besitze seiner Wahrnehmung selbst. Er hat die Wahl der Hinwendung nicht, sein Schmerz ist gegenwärtig, er kann sich nicht durch die Motorik seiner .Muskeln von ihm entfernen, der kranke Zahn, das böse Leiden geht ja dahin mit, wohin er sich bewegt. Er kann nicht wählen, denn über ihn ist verfügt, über ihn ist verhängt. Daß der Schmerz mit ihm geht, zeigt, daß der Schmerz einen Sitz hat, nämlich an ihm, an seinem Körper, in seiner Seele. Schmerz ist nie abstrakt vorhanden, sondern nur lokalisiert, konkret, im Raum, in der Zeit und da am Körper, hier in der Seele. Ganz bestimmt wissen wir, daß der Schmerz gerade „dort*' ist; er hat nicht immer einen deutlichen „Ort44 im optisch vorstellbaren Raum, aber immer hat er einen präzisen Sitz, eine genaue Beziehung zu etwas in 319