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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 72)
Language
German
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Geisterfahrung „Ich habe Schmerzen". Was ist das? Den, der so spricht - kann man ihn eigentlich verstehen? Kann man das Schmerzenhaben verstehen? Die Aktualität ist eigentlich immer unverständlich. Man kann erinnern, vorvorstellen, wie es tut, wenn es einem weh tut; was es aber eigentlich ist, das weiß man nur, wenn man die Schmerzen selbst hat; sind sie vorbei, so wird man wieder ein anderer. Nicht als ob man das Erlittene vergäße, aber irgend etwas Unübersteigliches trennt mich jetzt von dem was wirklich war, so lange ich Schmerzen hatte. Geistiger Besitz kann aufbewahrt werden; aber über den Schmerz hat die Natur den Zauber gebreitet, daß er, einmal beendet, auch unkräftig wird; der Schmerz ist vergänglich, nicht immerwährend. Man kann ihn haben und dann erzählen; aber man kann ihn nicht deutlich vorstellen und noch weniger beweisen, erkennen. Er ist nur etwas, wenn er da ist, Präsens ist; wenn er nicht da ist, ist er ein Gespenst, ein fürchtbares, keine Realität mehr. Weil man durch seine Gegenwart ein Anderer wird, kann man in seiner Abwesenheit diesen Anderen kaum mehr begreifen. Er ist ein Bewirker, ein Verwirklichung Antreibender, ein die Motorik gewaltig Auslösender. Wer sich in Schmerzen krümmt, spannt jeden Muskel wie sonst kaum. Aber ungeheurer Schmerz kann auch vollkommen lähmen, äußerste Erschlaffung bewirken und auch dann ist er ein großer Umordner, ein Revolutionär. In der Erinnerung ist er dunkel, bildlos, wie das Gedächtnis der Augen und Ohren hell und bildhaft ist. Ich kann also den Schmerz dessen, der ihn hat, nicht eigentlich wissen und erkennen. Seine Art aber, gestaltlos zu sein und doch Gestalten zu wirken, kann sich an mir bewähren: es kann geschehen, daß der Trieb und Drang, ihn zu überwinden, auf mich übergreift, auch mich ergreift. Ich muß im Anblick des in Schmerzen sich Windenden mich abwenden oder etwas tun: die Aktualität des Schmerzes ist geistfeindlich, ist hinziehend zu tiefer natürlicher Daseinswelt. In der Grausamkeit wie im Mitleid ist der Schmerz ohne Weisheit, ohne Frömmigkeit, ohne Ruhe; er, der Schmerz selbst, ist unverrückbar ernsthaft, wirklich und ideelos, er ist gemein, so daß man ihn nicht leicht vergeistigen kann. Der Schmerz will herrschen; man kann, wenn er herrscht, nicht denken, nicht arbeiten, nicht empfangen, nicht genießen. Hingabe und Handlung verjagt er in gleicher Weise, es sei denn, daß diese beiden seiner eigenen Verjagung dienen, also ihm jetzt dienen. 318

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