Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 71)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823785--0324-2824394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schmerzes. Ist Arzt-sein auch noch Unzählbares dazu, so ist es doch immer diese Hinwendung, die anders ist als die zum marmornen Bildwerke des Laokoon; diese kann ruhiges Schauen sein, vor dem lebenden Schmerz müssen die abstoßenden Kräfte des Ekels, der Angst, der Scham, des Grauens überwunden, durch anziehende der Neugierde, des Vorteils, des Mitleids, des Heiltriebs, oder welche es seien, besiegt sein, soll Hinwendung erfolgen. Das wahre Geheimnis dieser Hinwendung ist damit nicht entschleiert und wir ahnen nur, daß hinter den seelischen Motiven eine bewegende Kraft da ist. Welche Kraft dies sei, kann nicht durch ein einzelnes Wort gesagt werden, aber die Geschichte der ärztlichen Entdeckungen ist auch die Geschichte der Kraft der Hinwendung. Vir soviel ist hier klar: nicht Motive sind die Kraft, welche die Heilhandlung eigentlich hervorbringt, sondern es ist ein ursprünglicheres Geheimnis da, das sich uns in Heilhandlungen, in Wegfindungcn der Heilhand selbst ottenbaren kann. Auch Grausamkeit, Quälsucht, Schmerzgenuß, Schadenfreude können zum Schmerze hinziehen und sie sind vielleicht die nächtlichen Schatten, die in gleicher Richtung flattern wie der Heiltrieb - weg von der gesunden, hin zur kranken Hälfte des Daseienden. Der ärztliche Bautrieb hat einen zerstörerischen Bruder, der dieselbeu Stätten der Not aufsucht wie er selbst. Aber gerade dieses gefährliche Schwanken der .Motive, der Interessen, der psyehischenTriebe, gerade diese bedenkliche Bruderschaft der seelischen Kräfte beweist: nicht sie konstituieren die ärztliche Hinwendung, nicht sie bedeuten die Entscheidung; vielmehr otl'enbart gerade die Nachbarschaft von Sadismus und Chirurgie, von \ ampyrismus und Psychoanalyse, daß nicht im Triebhaften die Entscheidung fällt, sondern -? Hier liegt die Aufgabe. Es gibt also wohl einen Heiltrieb, ein seelisches Bedürfnis zur Hinwendung, aber daß dieses Bedürfnis und dieser Trieb siege, dies kann ja der Trieb selbst nicht erklären. Und überdies ist das Vorhandensein eines solchen wie jedes anderen Triebes gleichsam ein stummes Faktuni, da* nicht sinnvoll spricht, sondern eben da ist. Warum ist es da? Offenbar könnten wir bei solchen Fragen von dem Schmerz ausgehen und fragen. ~ e> ~ was er sei. Man kann ihn so als eine Erscheinung nehmen und ihn anaiv - sieren. Diese Hinwendung zum Schmerz ist dann freilich eine v ollig verschiedene von jener des „kleinen Arztes44; die Analyse wird uns nicht die Taterfahrung, sondern die Geisterfahrung des Schmerzes bringen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.