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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 70)
Language
German
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eine unvergleichbare, ganz in sich beruhende; sie hat freilich unzählige Voraussetzungen, ohne die sie nie zustande käme; aber noch in viel höherem Grade ist sie selbst Voraussetzung dafür, daß jemand überhaupt helfen kann. Es ist ein ungeheures Rätsel, daß die berührende Hand den Schmerz verdrängen kann, aber die Tatsache, daß sie es kann, begründet fast die ganze Heilkunst. Vielleicht ist es darum kaum möglich, über diese •.erste Heilhandlung" noch irgend etwas zu sagen, zu erfahren. Sie ist in solchem Maße Taterfahrung, daß ich sie immer nur so weit begreife als ich sie tue und nur in dem Augenblick ganz verstehe, wo sie an mir getan wird. Jene erste Heilhandlung ist freilich ganz primitiv, auch das Tier kennt sie schon, und es ist nur eine oberflächliche Ausdrucksweise, wenn eben gesagt wurde, man könne die ganze Medizin aus ihr ableiten. Aber sie ist eine Taterfahrung, welche zugleich richtungweisend für spätere Verstandeserfahrung ist, geeignet, den schweifenden Verstand ins gleiche mit dem Ziel zu bringen; daher ist die erste „Heilhandlung" nicht nur primitiv, sondern mehr; sie ist dem Ursprung, dem Wesentlichen nahe. Darum steht sie am Anfang nicht in naturgeschichtlicher Hinsicht, sondern als Repräsentant des Wesens der Sache. Mitnichten ist die erste Heilhandlung ein bloßer Reflex. Ganz wesentlich ist sie entstanden aus der Wahrnehmung des Schmerzes. Daß sie kein Reflex ist, wird dadurch bewiesen, daß sie eine Entscheidung bedeutet: im Anblick des Schmerzes kann man nicht bewegungslos bleiben, man muß sich entweder ihm zuwenden oder sich von ihm abwenden. Das ist eigentlich der Sinn der Berufswahl zum Arzt, daß man sich dem Schmerz zuwendet. Es ist hier nicht die Rede von Motiven dieser Wahlwendung. Die Motive sind vielleicht ohne Ausnahme nur abfallende Blätter am Baum der Persönlichkeit. Jemand kann die zufälligsten, die gemeinsten oder frömmsten Motive haben, als er sich zum Arzt entschied. Aber das Faktum seiner Zuwendung zum Kranken wird dadurch nicht berührt; daß er sich nicht abwandte, sondern zuwandte, bleibt nicht minder wirkliche Entscheidung. Ein ruhiges Schauen im Anblick des in Schmerzen sich Krümmenden ist ja nicht möglich. Ich muß ihn fliehen, oder mein Haupt verhüllen, mich schämend, daß dies Furchtbare geschehen kann, gleichsam Schuld empfindend, daß meinesgleichen solches zustößt - oder ich muß mich hinwenden und muß etwas tun, und sei es das Zwecklose und Untaugliche. - Arzt-werden ist also Hinivendung zum Akt des 316

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