Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823785--0319-2824389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Mensch kann die Tradition, das menschlich Erworbene vergangener Jahrtausende weder völlig abreißen und immer wieder völlig im Leeren beginnen - noch kann er als Rentner davon leben. (In der politischen Ebene pflegen Linksparteien das eine zu wollen und Rechtsparteien das andere.) Wacht und arbeitet, so heißt es und muß es heißen gegenüber aller Tradition. Es darf keine Renten und es darf kein Verschleudern geben. Das Intellektchaos lehnt Tradition stupide ab - stupide oder gescheit, es ist dasselbe: das ist überall dasselbe da, wo es sich um das handelt, was dem Verstände nicht untersteht - und fängt seinen Menschen und seine Welt jeden Tag von vorn an; weil es gar nicht ahnt, was Tradition ist und dem Menschen bedeutet. Heute wird erzogen, als ob die Deutschen nie einen Goethe besessen hätten und dieser nie seine pädagogische Provinz geschrieben hätte - die jedem Erzieher das Äußerste an Nachdenken aufgeben sollte. Als ob Jean Paul nie seine Levana geschrieben hätte. Neben diesen scheint alles, was die Leute heut Erziehen nennen, nur Wegräumen, nur Vorbedingungen schaffen, damit erzogen werden kann. ★ ★ ★ Noch ein Wort über die vielbetonte Spontaneität der Kinder. Man pflegt ziemlich gröblich eine ganz unzureichende Alternative zu setzen: Zwang, mechanisches Befehlen und Gehorchen - oder eine innerste Wesensspontaneität des Kindes. Sehen wir die Kinder an: die Mutter begegnet mit dem Kinde einem Bettler. Das Kind ist zu jung um viel zu wissen, was ein Bettler ist; es ist zu verspielt um ihn viel zu beachten - es schaut wohl auf ihn hin, es läuft vorüber. Die Mutter schickt das Kind mit einem Geschenk zu dem Bettler. Das Kind widerstrebt, vielleicht weil es den ärmlichen Mann scheut, der ihm nicht gefällt. Die Mutter bleibt aber dabei: „Gib es ihm, er freut sich, wenn du es ihm gibst; und du mußt ihn auch freundlich anschauen, wenn du ihm gibst." Das Kind geht, gibt, es hat den Bettler auch freundlich angesehen; und das Kind, das vielleicht verdrossen gegangen ist, kommt froh zurück. Froh, denn zwischen ihm und dem Bettler, also in dem Herzen des Kindes, hat sich etwas Lebendiges ereignet. Schaut das Kind den Bettler nach dem Wunsch der Mutter freundlich an, so kommt im Lächeln die innere Kinderfreundlichkeit von selbst dazu, das Kind erfährt es, daß es freundlich schauen will. Es bereiten sich Ahnungen vor von der beglückenden 312