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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 65)
Language
German
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ein sehr junges Kind auch in unserer Zeit fast immer noch hat (das heut das „Volk" in seinen guten Exemplaren eher hat als die „Gebildeten44, ein böses Zeichen für unsere Bildung). Das Intellektchaos weiß nichts von dieser Scheu. - Man muß es wieder sagen: unsere Zeit hat für das, was das Mittelalter die unsterbliche Seele nannte, nicht einmal ein Wort. - Die alte Erziehung setzte an die Stelle jener Scheu die Furcht, das Verrohende und Ungesunde für ein Kind; denn den Menschen einschüchtern, heißt ihn auf die ursprüngliche menschliehe Angst zurückwerfen, heißt ihn verwildern. Die heutigen Tendenzen setzen statt jener Scheu die Nicht-Scheu, ebenso das Verrohende und Ungesunde für ein Kind. Das Kind braucht Scheu, wenn der Erwachsene es im Blute haben soll, daß der Mensch etwas ist, das Ehrfurcht beanspruchen muß; daß der Mensch Ehrfurcht vor sich selbst haben muß als vor etwas, das er nicht beliebig verschleudern kann. Man hat das Wort, daß vieles mit dem Älterwerden kommt, „wenn die Einsicht kommt44. Die Einsicht aber baut einen Menschen nicht auf und es „kommt44 nichts im Erwachsenen, das im Kinde zerstört worden ist. Erziehen heißt bewahren. Erziehung steht darauf, daß man gemeinsam glaubt; und darauf steht jedes menschliche Verhältnis. Das Kind, das in der Kirche den Lehrer neben sich knien und zu dem gleichen Herrgott beten sah, hatte diese Gemeinsamkeit. Das Kind soll froh in sich und dem Erzieher ein Hohes, ein Verehrendes fühlen, so lebt in ihm die Zuverlässigkeit, daß sein Bestes mit dem Willen und der Liebe des Erziehers zusammengehört. Nur in solcher Verbundenheit fühlt es sich dem Zufall enthoben. Erziehung kann nicht gegeben, Erziehung kann eigentlich nur genommen werden. In jener Zuverlässigkeit fühlt sich das Kind - und das ist das Unerläßliche — vom Erzieher geachtet, lernt es sich achten. Es ergibt sich dem Kind von selbst, daß es in seinem Letzten das will, w ohin seine Erziehung es auch führen will. Das ist schließlich der Weg zur Entwöhnung von den Formen der Erziehung. Erziehung kann nur sein, daß das Kind das Beste in ihm selbst klarer liebt, als es dies ohne die Befeuerung durch den Erzieher geliebt hätte. Es ist die Aufgabe, daß dieses unvermeidlich Pathetische nicht mit einer gewaltsamen Pathetik, sondern mit einer stillen Selbstverständlichkeit den Untergrund des Lebens ausmacht, wie im guten Falle das Christentum und seine Lehren ihn ausmachen konnten. 311

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