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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 64

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 64)
Language
German
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Das ist auch nicht eingehen auf das Kind, das etwas Bestimmtes und etwas Einfaches sehen will. Wir Heutigen haben keine Dogmen; wir können nur endigen, aber nicht anfangen. - Dem Kind ist gestattet, was dem Erwachsenen nicht gestattet ist: die Wahrheit zu besitzen, die gilt, und die Leitung, auf die es sich verläßt; dies gegeben, ist Erziehung unter anderem die große Kunst der Entwöhnung hiervon; die Bestimmung und die Kunst des Erziehers ist: überflüssig zu werden; zu werden — nicht es von Anfang an zu sein. Das Schöne und Beglückende an der Abwendung von unserer Erziehungstradition ist die Froheit des Erziehers an dem frohen Menschen. Das ist schön, aber nicht genug. Und weiter ist schön und lebendig: nicht mit dem Dekret und einer theoretischen Liebe zur Pflicht kann erzogen werden, es muß eine Anhänglichkeit an den Lehrer da sein. Aber dann hört man wieder begründen: „sonst hat er keinen Einfluß auf das Kind." Es handelt sich noch um anderes als den Einfluß. „Kinder brauchen Liebe mehr als Unterricht" - so sagt Jean Paul. Sie brauchen die Liebe, die sie fühlen können, noch mehr, als die Liebe, die ihnen gebracht wird. Alles, was stark und gesund ist, will auch geliebt sein - sicher; aber es will vor allem lieben, denn die Liebe ist eine Vollkommenheit unserer Natur. Es verwahrlosen Kinder nicht nur, wie man immer sagt, weil Eltern das schlechte Beispiel geben, sondern weil schlimmen Eltern, Erziehern gegenüber die dem Kind notwendige Liebe nicht in ihm aufkommen kann. Die liebenden Kinder sind die wohlgeratenen, nicht nur, weil die Eltern solche waren, daß man nichts Schlechtes an ihnen sah, sondern weil die Liebesnotwendigkeit des Kindes nicht erschreckt und verschlossen wurde. Das Kind wird kultiviert vor allem durch die Liebe, die es empfindet. Der Mensch kultiviert sich nur dadurch, daß er hebt. Das Kind braucht Liebe, diese schweigende, verschlossene Liebe, von der Kinder nie gesprochen haben wollen, die in ihrer Herbheit nicht angerührt werden darf. Das normale Kind braucht Menschen zum Verehren. Das Kind braucht Scheu. Jeder Mensch braucht Scheu. Es ist der Sinn kultivierter Umgangsformen diese Scheu (jede Anmut menschlichen Verkehrs ruht auf ihr), es braucht sie auch das Kind: eine Scheu vor ihm, und wiederum die Scheu, die es empfindet. Es braucht die Erziehung zu dem feinen Gefühl von Schranke und Grenze, oder vielmehr, es braucht die Pflege für das feine Gefühl von Schranke und Grenze, das 310

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