Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 63

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 63)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823785--0316-2824386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und lebendig gehandhabt, ein vorzügliches Mittel, einen jungen Menschen in sich zusammenzuhalten, seine Kräfte zu sammeln und ihn zum freien Menschen vorzubereiten. „Wer Bedingung früh erfahrt, gelangt bequem zur Freiheit; wem Bedingung sich spät aufdrängt, gewinnt nur bittre Freiheit/6 (Goethe, Maximen und Reflexionen.) Druck, ein warmer Zwang, als Vorläufiges, als Formungsmittel, sind völlig anderes, denn als Unterwerfungsmittel mit einer Unterwerfung als Ziel. Der Mensch soll sich selbst regieren lernen, das geht nicht ohne Härten ab. Wem die Zucht eine Lebensminderung scheint, der hat die Zucht nicht verstanden. Und die Technik, sich selbst in der Hand zu haben, ist unerläßlich, um über die Banalität hinauszukommen - die Banalität, dem Triebe und dem Bedürfnis wehrlos preisgegeben zu sein. Das Mißverstehen der Zucht aber kommt daher, daß sie verbunden wurde entweder mit jener l nterwerfung der Menschen oder aber mit den christlich-asketischen Idealen. (Der Buddhismus faßt sie als Machtgewinnung: es zittern die Götter vor dem, der sie völlig besitzt.) Will man die Askese nicht, so verneint man die Zucht; denn man faßt sie nicht als etwas Allgemeines und Selbständiges, das von jenen Tendenzen nur eingefangen und auf sie angewendet wurde; das ebensowohl auf lebensfrohe Auffassungen des Daseins angewendet werden kann und muß (man denke an den Sport). Und als solche muß sie sich über das Leben verbreiten, eben um der Souveränität des Menschen willen. Das Intellektchaos hat kein Verständnis für die Weisheit, die in der Zucht hegt, weil es Leben, Lebendiges, nicht in seiner eigentlichen Ebene sucht. Ein Kind, dem nicht befohlen wird, bleibt unselbständig, und ein Kind, dem nur befohlen wird, bleibt unselbständig. Ein Kind, das sich nicht zusammennehmen muß, geht ein, und ein Kind, das sich nur zusammennehmen muß, geht ein. Zum Dogma und zum blinden Autoritätsglauben zu erziehen, ist die schlechteste Erziehung. Aber der seelische Zustand eines Kindes, das ohne jedes Dogma und ohne Autorität auferzogen würde, ist überhaupt nicht auszudenken. Das Kind muß glauben, das Kind will glauben, das Kind will Dogmen in seinem Leben (ich denke jetzt nicht an religiöse Dogmen). Es kann nicht alles Gegenstand des suchenden Gefühles sein, das ist zu schwer als Beginn. Ein Mensch, den man auf Dogmen und Autoritätsglauben, den man zur Unfreiheit erzieht, ist genau so schlecht erzogen, wie der, den man in der Kindheit des Sicheren und der Autorität beraubt. 309

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.