Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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kann, vorsichtig und von reifen Händen angefaßt werden muß. Tun es die Erzieher nicht, so tut es der Zufall. Unreife und Reifen statuiert man doch, da man von Erziehung spricht, statuiert jeglicher, der überhaupt von Erziehung spricht. Man nimmt das Kind als fertig. Nun ist fertig in gewissem Sinne jedes geschaffene Ding, und so kann man sagen, ist auch das Kind fertig. Aber das so Fertige ist darum nicht reif. Auch Rousseau, der es lehrt, daß der Mensch von Natur gut ist, pflegt seinen Emile mit einer täglichen Sorgfalt von zwanzig Jahren. Man will zu freien Menschen erziehen. So ist das zu erziehen, woraus die Freiheit der Handlung kommt. Auch Kant wollte zu freien Menschen erziehen. Lassen wir es dahingestellt, was es bedeutet und bedeuten kann: ein freier Mensch. Nehmen wir das eine heraus: der Mensch, der sich selbst in der Hand hat, der klare Regent seiner selbst. Ist dies das Ziel - welches ist der Weg? - Man glaubt, der Weg muß aussehen, wie das Ziel, und wenn man zu freien Menschen erziehen will, so muß das Wort Freiheit beständig um den Weg spuken. Es ist eine naive Roheit, vorauszusetzen, daß Freiheit in einem naturalistischen Losgelassenwerden bestehe. Frei sein muß gelernt sein, wie Gehen gelernt sein muß. Wie der Weg dieses Lernens, der Weg zum Freisein, aussehen muß, ist eine Frage mühevollsten Ernstes. Wir geben dem Kinde die Muttermilch, es soll sie darum nicht das Leben lang trinken. Für den Weg gehört, was das Kind nährt - ob das die Kost der Erwachsenen sein kann, ist eine andere Frage; und wenn es diese nicht sein kann: was das Kind nährt und wovon eine Entwöhnung gut vonstatten geht. Um dieses Wortes freier Mensch willen ist man bereit, das Kind auf seine Velleitäten zu werfen - nun sieh du zu. Und man hilft sich damit, daß man Velleität und Gesetz nicht unterscheidet. Um auf sein Gesetz zu kommen braucht das Kind etwas Zarteres, als seine Lustigkeiten, die es hierhin und dorthin treiben, als seine Velleitäten: es braucht auch etwas Festeres, als seine Lustigkeiten. Man hat heut die ungeheure Scheu vor den Worten Druck, Nötigung, selbst Pflicht, dem Kinde gegenüber, weil wir gesehen haben, daß der Druck auf junge Menschen gelegt wurde, damit sie lernen, auch als Männer dem Druck gefügig zu bleiben: Kadettenhäuser, Priesterseminare; wir brauchen nicht einmal ins Spezielle zu greifen: bürgerliche Erziehung. Solche Ziele müssen weg, gewiß. Aber eine feste Form, auch wenn sie - und sie wird es unvermeidlich - nötigt und drückt, ist, warm 308