Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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MARIE LUISE ENCKENDORFF ZUR FRAGE DER ERZIEHUNG Bruchstücke Wir sprechen viel von Erziehung und experimentieren mit Erziehung. Wohin erziehen wir? Uns fehlt die Grundbedingung aller Erziehung. Man spricht viel vom Menschen, man bekümmert sich um seine Physis, man gibt ihm Rechte; man sorgt für ihn, man „bildet" ihn gar — aber man glaubt nicht an ihn. Darum geben wir einander nichts, darum gelingt uns alles nicht. Wir haben wie alle armen Zeiten und wie alle dürren Menschen vor allem des Menschen Bedingtheiten im Gefühl, und zwar Bedingtheiten gemäß einem NaturbegrifF und einem Kausalbegriff, den der Mensch als einen wissenschaftlichen Denkbehelf erfunden hat. Auch die christlich große Zeit half dem Armen, aber nicht um seine Seele besser zu bedingen. Die Zeit des Intellektualismus hat den „Naturalismus" hervorgebracht, u. a. die „naturalistische" Menschenbeschreibung, in der der kahle Mensch der kahlen Intellektualismuszeit den kahlen, man möchte sagen zweidimensionalen Menschen dieser Zeit auffaßt und festhält. Eine Zeit, die nicht an den Menschen glaubt, kann nicht erziehen. Hier sind die Grenzen aller Erziehung. Erziehung heißt zur Verantwortung bilden vor der unaussprechlichen Instanz, die Gott heißt. Jenes ist die Atmosphäre der Intellektzeit, aus der sich nun die neue Jugenderziehung, wie man sagt, heraushebt. Man sagt gern: die neue Jugenderziehung hat den Menschen im Gefühl, glaubt an den Menschen. Der Erzieher hat vor allem, so scheint es, den Druck im Gefühl, unter den die alten Erziehungsmethoden den jungen Menschen stellten. Man billigt die alten Methoden der Erziehung nicht mehr und man läßt nun lockrer im Erziehen, um diesen Traditionen zu widersprechen. Der Gedanke der alten Erziehung war im Kerne der, daß Eltern und Lehrer, die Erzieher, Repräsentanten einer göttlichen Ordnung waren; die Obrigkeit ist von Gott, Erzieher sind auch die Obrigkeit und haben im göttlichen Gesetze und zum göttlichen Gesetze zu erziehen. Und sie sind die Repräsentanten einer kantischen Vernunftwelt. Sie sind für das Kind die nächste Instanz, über der das Ideelle steht. So sind sie für das Kind das Gesetz und die Norm, sie haben die Respektspersonen zu sein, 304