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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 57

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 57)
Language
German
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lassen dann die Politik, Gesetzgebung und Rechtsprechung eines Volkes immer weit- und lebensfremder werden, so daß eigentlich jeder merkt: es stimmt gar nicht mehr. Wissenschaft, Dichtung und Kunst laufen in ausgefahrenen Gedankenbahnen oder setzen sich mit der alten Gedankenwelt in wüstem Ansturm auseinander, kommen aber weder so noch so davon los und verlieren immer mehr an Wirkung, weil kein Mensch mehr im Leben so etwas braucht. Und auch ins tägliche Leben, in Beruf und Jugenderziehung dringt die Gedankenspaltung. Was man eigentlich meint, läßt man durch ganz veraltete Gedankengänge ins Wort laufen und wundert sich nicht einmal, wenn kein Tun zu Wort und Gedanken mehr recht passen will. Keine Reform von irgendeiner einzelnen Seite kann hier mehr helfen. Nur das Vergessen der vergangenen Gedanken. Wenn es so weit ist, hilft sich das Volk in seiner Gesamtheit selbst und opfert eine ganze Generation dem großen Vergessen, macht all die Einzelnen dieser Generation namenlos, löscht alle Gedanken und Taten als Werke von Einzelnen aus und läßt nur im Gedächtnis zurück, was allen gemeinsam ist. In dieser Zwischengeneration fallen nun alle Gedankenbrocken, die nicht mehr begreiflich sind, zu Boden. Sie bleiben einfach so lange geistig unbenützt, bis plötzlich kein Mensch mehr daran denkt. So besteht die Möglichkeit, daß Gedanken wieder gemeinverständlich werden. Dies ist die Aufgabe der Generation, die Krieg und Revolution ertrug und erlebte. Diese Zwischengeneration ist wie ein großes Sieb vor die Zukunft des Volkes gehängt. Sie sorgte dafür und muß immer mehr dafür sorgen, daß alle Gedanken, die verdorrt und wesenlos geworden sind, noch einmal, zum letztenmal durch sie hindurchfallen, um als Spreu zu verwehen oder in neuem Sinn wieder aufgenommen zu werden. In diesem Sinn haben sie die Pflicht, die alten Gedanken zu prüfen und durch ihr weitgespanntes Leben durchzulassen. Nur wo so gründlich und nicht nur von einem Einzelnen, sondern von einer ganzen Generation v ergessen wird, kann der Anschluß an das lebendige Wissen erreicht w erden, kann das ursprüngliche Wissen in jedem einzelnen Menschen wieder freigelegt werden. Nur wenn alle gemeinsam vergessen und in sich zu Ende führen und in sich ersterben lassen, was nicht mehr gültig und geistig wertlos geworden ist, wird das einfache Wissen des Menschen wirksam und stark und kann nun auf neuen Gedankenbahnen aufwärts zum Wort steigen. r? 303

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