Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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lassen droht, der verfügt noch nicht in vollem Maße über die Verjüngungskraft der Erinnerung. Die Gedächtniskräfte werden einseitig überzüchtet, schon vom kindlichen Schulalter an. Man lernt nicht vergessen. Das Kind darf viel zu wenig vergessen; es muß jeden Gedankengang gleich behalten, jeden Gedanken gleich wiedergeben. So wird die Gedankenspannung von vornherein zu groß. Das gedächtnismäßige Behalten jedes aufgenommenen Gedankens läßt es dann allmählich zu jener niemals mehr aussetzenden Denktätigkeit kommen, die heute viele Menschen schon nicht einmal mehr ruhig schlafen läßt. Einseitige Gedächtnisübung züchtet die einseitig wortwärts gerichtete Denktätigkeit, den Denksport, der heute vielerorts, wie der Körpersport, groteske Formen annimmt. Vor allem da, wo diese sportmäßig ausgeübte Denkarbeit berufsmäßig zum Geldverdienen betrieben wird. Nur ist es damit noch verhängnisvoller als mit dem Preisboxen, dem Sechstagerennen und anderem Berufssport, weil hier nicht nur junge Menschen auf die Bahn treten, sondern alle Altersstufen und gegenwärtig sogar auch die Frauen. All die Menschen, die so Sklaven ihrer eigenen Denktechnik werden, können nicht mehr genug vergessen. Das ist die wesentliche geistige Schädigung, die da eintritt. Auch jede Kleinigkeit wird wahllos im Gedächtnis behalten. So werden sie Pedanten ihrer eigenen Denkarbeit. Sie können das Denkschema, das immer nach rechts und links, nach A und B und C eingeteilt ist, überhaupt nicht mehr loswerden. Andererseits können sie es auch keinem anderen Menschen „vergessen64; wenn er dies Schema durchbricht. Sie werden zu Kleinigkeitskrämern und Kritikern der Kleinigkeiten. Mit viel Geschrei über ganz belanglose Rechenfehler machen sie den Zeitgenossen die großen Gedankenfolgen verächtlich, so daß die Taten, die daraus entstehen, von vornherein mit dem Stempel der Lächerlichkeit und Unmöglichkeit versehen sind. In großen Zügen ist Vergessen von Zeit zu Zeit nötig. Vergießen und Verlöschen alles bisher Gedachten beschließt jede große Periode im Leben des einzelnen Menschen und der Völker. So war es von jeher. Wenn es lange nicht dazu gekommen ist, können die Gedanken nicht mehr leben und sterben. Sie überaltern und verunzieren die Jugend, vergreisen und lähmen die Männer und machen die Frauen unschön und unfruchtbar. Festgehaltene Gedanken, starr gewordene Begriffe, 302