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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 55)
Language
German
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auftauchende Denken macht licht. Zusammenhänge von vorher unbekannter Art werden erhellt. Und das Fernste kann mit dem Nächstliegenden in klar sichtbare Verbindung treten, und dadurch eben plötzlich begreiflich werden. Das in die Gründe des eigenen Wissens herabreichende Denken eines großen Politikers ist von solch aufhellender Art. Während in der üblichen Politik, besonders in der Parteipolitik, fast allein die einseitig wortwärts gerichteten Gedanken kursieren; und immer neue Verdüsterungen am politischen Horizont bewirken. Nur das vollständige Denken ermöglicht es, die gegenwärtigen wirtschaftlichen und geistigen Verhältnisse der Staaten und Völker in all ihren Verflechtungen über die ganze Erde klar zu sehen und zusammenzudenken. Nur politische Gedanken aus solcher erleuchteten Einsicht schaffen die große politische Tat. Das immer wiederholte, mechanisch verkürzte Denken macht die Gedanken überhell. Klärende Gedankenzusammenhänge lichten sich immer mehr auf und werden blässer und blässer. Diese Uberliehtungsgefahr der Aufklärung spüren wir heute auf allen Gebieten. So besteht etwa für tief gedachte philosophische Systeme gar nicht so sehr die Gefahr, daß sie unverstanden bleiben, sondern im Gegenteil die Gefahr, daß sie nur allzusehr verstanden werden, allzu licht und übersichtlich werden. Schließlich bleibt nur noch ein Schema, ein Schemen ihrer selbst übrig. Philosophiegeschichte führt heute sehr häutig dahin. Aber auch die Wiederholung eigener, schon früher gedachter Gedanken läßt oft an solcher Überlichtung leiden. Jeder, der gezwungen ist, viel gedanklich zu arbeiten, wie etwa der Jurist, der Lehrer, leidet an der Cberlichtung seiner eigenen, einmal in früherer Zeit wirklich vollständig durchdachten Gedankenbilder. Es ist die geistige Alterskrankheit. Es ist eben Gesetz, daß Gedanken in der Wiederholung abblassen und erkalten und den Denkenden kalt machen. Wenn auch ihre Schärfe und Schlagkraft scheinbar zunimmt, ihre wahre Wärme- und Lichtwirkung nimmt ab. Nur wo das Denken immer wieder in das Bad der eigenen Gewißheit untertaucht, verjüngen sich auch die schon gedachten Gedanken. Dies Untertauchen ist e n kurzes Vergessen der Gedanken. Erst nach diesem Vergessen ist es ja möglich, einen Gedanken wieder zu erinnern. Vergessen und Wiedererinnern bezeichnet den abwärts und wieder aufwärts steigenden Ast dieses doppelläufigen Denkens. Wem sein Denken nicht immer wieder versiegt, wen es nicht in jedem Augenbück zu ver- 301

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