Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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des Denkens möglich, die also die schon gedachten Gedankengänge nicht so ohne weiteres in ihrer wortwärts gerichteten Bahn wiederholt, sondern sie eintauchen läßt in die Tiefe des eigenen Wissens und Gewissens. Welche Veränderung erleidet nun der wieder auftauchende Gedanke? Zunächst: von dieser Veränderung braucht nach außen hin gar nichts bemerkbar zu werden. Denn die Formen des Denkens sind begrenzt und eingeengt, wie die Wortformen der Sprache. Sie sind Allgemeingut und zwingen jeden Einzelnen immer wieder in den Kreislauf der gleichen Gedanken, der von den verschiedenen Völkern und Zeiten jeweils nach einer voneinander etwas abweichenden Richtung sprachlich ausgebaut wurde. Also kein Einzelner darf sich vermessen, zu glauben, was er denkt und ausspricht, sei noch nicht gedacht und ausgesprochen worden. Das ganze Volk denkt und spricht wie in einem durch die Zeit wogendem Meer. Es ist das allverbindende geistige Element. Ein jeder kann doch etwa tatsächlich Goethes Gedanken in Goethes eigenen Worten aussprechen. Und wenn wir auch meist nicht genau die Genealogie unserer Gedanken- und Wortbildung verfolgen können, so verbindet sie doch ebenso sicher wie die Genealogie des Blutes alle mit allen, obgleich sie freilich nur im Fall einzelner Adelsgeschlechter nachweisbar und bewußt wird. Also äußerlich verändert sich der Gedanke, wenn er aus dem eigenen \\ issenden Untergrund wieder auftaucht, überhaupt gar nicht! Nur in dem Schwung und in der Unbeirrbarkeit der wortwärts gerichteten Gedankenbahn ist die Veränderung zu spüren. Die gedankliche Zustimmung und Ablehnung ist nun eben mit der eigenen Gewißheit geladen. Und diese Geladenheit erst macht den Gedanken voll wirksam für den Denkenden selbst wie für seine Umwelt. In dem Denkenden selbst zeigt sich diese Wirksamkeit zunächst in einer eigentümlichen Erwärmung seines ganzen Wesens, auch seines körperlichen Wesens. Vollständiges, in seiner doppelten Schwingung verlaufendes Denken macht warm, ja kann den Menschen bis zum Glühen bringen. Und es ist wohl begreiflich, daß Menschen sich in diesem leidenschaftlichen Denken verzehren. Während jenes abgekürzte, immer nur wortwärts wiederholte Denken kalt macht. Auch im wörtlichsten Sinn, etwa kalte Füße und Hände, aber auch spitze Nase, verkniffenen Mund und eiskalten Blick. Aber die wärmende Wirkung in dem Denkenden reicht auch über ihn hinaus weiter. Das aus der eigenen Gewißheit wieder 300