Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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eigenen Gedankengänge in ihrer oberen Gedankenbahn. Selten ist die dritte Art, das vollständige Denken in ausschwingender, doppelläufiger Kurve. Weil die beiden ersten Arten des Denkens so sehr viel häufiger sind, ist es erklärlich, daß sie im allgemeinen fast allein als Denken bezeichnet werden. Besonders da hinzukommt, daß man heute nur damit im praktischgeistigen Verkehr mit Menschen etwas anfangen kann. Alle Schlagkraft und Schneidigkeit der Gedanken, die man bei dem heutigen Tempo vor allem anderen braucht, wird nur erworben durch die früh geübte Wiederholung der in dieser Zeit gebräuchlichsten Gedankengänge, die eben alle mühelos mitdenken können. Ferner: jede geistige Beharrlichkeit und Festigkeit kann nur erlangt und erprobt werden durch immer neue Wiederholung, Überprüfung, Verschärfung und Verfeinerung der eigenen Gedankengänge. Es macht die Verbesserung der Denktechnik eines Volkes aus, wenn alle geistig selbständigen Glieder unablässig an der Denkwiederholung der schon gedachten Eigengedanken üben. Das erste ist vorwiegend Sache der Jugend, das zweite des Alters. Aber beides vermehrt doch höchstens die Gedächtniskraft des Volkes, sichert aber noch lange nicht den Zugang zum ursprünglichen Wissen. Beides gehört eben zur Technik, zur Technik des Denkens. Und es ist wohl begreiflich, daß gerade das technische Zeitalter sich in einer Uberschätzung der Denktechnik gefallen mußte. Wesen und Lust der Technik erschöpft sich ja überhaupt in den beiden Fragen nach der Brauchbarkeit und Vervollkommnung der Mittel. Und in diesem Fall nach Brauchbarkeit und Vervollkommnung der Denkmittel. Aber die dritte Frage, die eigentliche Grundfrage, die Frage Warum scheidet für den Menschen der Technik aus. Er kann sich diese Frage nicht leisten. Denn seine Tatkraft könnte womöglich dadurch gelähmt C* H werden, wenn nämlich die Antwort auf diese Frage, die so sehr gefürchtete Antwort, lauten könnte: Es gibt keinen Grund und Sinn für das, was ich da tue und denke. Die so gefährliche Frage muß also in der Tat jeder meiden und an jeder Stelle meiden, wo ersieh dem technischen Fortschritt in irgendeinem mit-tätigen Sinn verpflichtet fühlt. Aber wo er sich dem geistigen Wesen des Menschen verpflichtet fühlt, da bleibt ihm nichts übrig, als in jedem Fall immer wieder von neuem die Frage Warum selbstdenkend für sich zu beantworten, selbst wenn ihm dadurch seine ganze Technik zuschanden geht. Und diese Frage Warum wird allein mit der dritten Art 299