Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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Denken hat eine doppelläufige Bewegung. Einmal taucht es ins eigene Wissen unter und dann wieder führt es vom Wissen aufwärts zu sprachlichem Ausdruck. Diese geistige Doppelbewegung bleibt in ihrem nach unten strebenden Kraftstrahl unaufdeckbar und ein Geheimnis, an dem wir wohl deuten, das wir aber nie begreifen können. Nur den nach oben gerichteten Kraftstrahl können wir begreifen und beschreiben, um ihn damit sicherer in die Gewalt zu bekommen. Wenn wir sagen: Ein Gedanke taucht auf, so bezeichnen wir damit schon den Anfang der wortwärts gerichteten Kurve. Aber bevor der Gedanke auftaucht, taucht er hinab und holt sich Rat und Richtung. Rat in dem Wissen von dem, was wahr und unbedingt ist, und Richtung in dem Wissen von „Gut und Böse", dem Gewissen. So geladen mit Wahrheitsgehalt und Wertmaß, taucht der Gedanke schon auf. Nur ist bei den alltäglichen Gedanken, infolge des sehr häufig wiederholten Gedankenganges, dies Untertauchen in das eigene Wissen und Gewissen meist sehr abgekürzt. Wir merken dies „In-die-Tiefe-Gehen66 erst, wo Wort oder Gedanke zu stocken beginnt, wie man dann sagt. Wo es anfängt zu stocken, da beginnt die Tiefenkurve. Man merkt eigentlich nichts weiter, als daß ein Bruchteil von Zeit vergeht, aber der dann auftauchende Gedanke hat plötzlich den ganzen Schwung der Gewißheit in sich. Je nach Art und Temperament der Menschen dauert dies „Nachdenken66 kürzer oder länger, und je denkgewandter einer ist, desto schneller geht es. Bei immer zunehmender Denkgewandtheit kommt jeder einmal bis dahin, wo das Denken sich zu überschlagen scheint. Bei wem so das „Indie-Tiefe-Denken66 aussetzt, der denkt und denkt immer flacher weiter, ohne sich im einzelnen Fall noch Rat und Richtung aus seinem Wissen zu holen. Und das wieder kann zweierlei Formen haben. Entweder man denkt da, was ein anderer gedacht hat, und wiederholt, mehr oder weniger genau, dessen Gedankengänge, aber eben nur in ihren oberen, ihren wortwärts gerichteten Kurven, ohne sie nachgedacht zu haben. Oder man wiederholt eigene Gedankengänge, die man selbst früher einmal in ihrer ursprünglichen Doppelläufigkeit gedacht hatte, nun in der verkürzten Form. So ergeben sich drei Arten, zu denken. Die häufigste ist das Wiederholen schon ebenso gedachter Gedankengänge in ihrer oberen wortwärts gerichteten Gedankenbahn, seltener ist die zweite Art, das Wiederholen der 298