Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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Jünger darüber im unklaren zu lassen, daß jede geistige Erfahrung nur unerzwungen gemacht wird, daß jede geistige Entdeckung und Erfindung immer nur im Anschluß an die Förderung der Kräfte aus der eigenen Wissenstiefe gelingt. Sie muß den einzelnen Jünger dazu erziehen, daß er, was er erforscht, in Einklang und Deckung bringt mit dem, was er von sich aus ursprünglich weiß. Es wird also die Aufgabe dieser Erziehung zum Wissen sein, die Klarheit dessen, was jeder ohnehin schon weiß, nicht zu trüben, sondern durch die nachprüfende Arbeit eines vorsichtigen und wegsicheren Denkens begreifbar zu machen. Wissenschaftliches Ziel ist dann, zu beweisen, was man ursprünglich weiß. Und je unabweisbarer das Wissen in dem Schauenden wird, desto zwingender wird auch seine Beweisführung werden. Hier wird die ganz andere Vorstellung von zukünftiger Wissenschaft deutlich. Nicht wir schaffen das Wissen. Wir schaffen uns selbst zu dem Wissen heran, je nach dem Grad unserer geistigen Kraft und denkenden Mühwaltung, und die bleibt stets verschieden nach Alter, Art, Geschlecht, Stand und Volk. Es ist klar, daß eine lebendige Jugend nur durch diese Art Wissenschaft nicht erstarren und der Besitz- und Machtgier verfallen wird, die bislang die Wissenden so oft zu Freibeutern und Ausbeutern des Geistes machte. Alles, was junge Menschen ohnehin zu tun lieben, körperliche Betätigung und praktische Arbeit, alle Spiel-, Sport- und Kunstbetätigung wird, so betrachtet, Übung, bekommt Richtung, mitreißenden Schwung auf das geistige Ziel hin. Es braucht nur erst klar zu sein, daß diese Übung nicht nur Selbstzweck ist, sondern zugleich dazu dient, den Menschen heranzuschaffen zu einem Wissenden. Nur der Glaube tut not, daß all dies frühe Spiel und jede Art praktischer Arbeit den jungen Menschen ganz von selbst umwandelt. Gemäß seiner lebendigen Kraft legt er während- O ö dessen alles, was er weiß, frei. Er kann es nun denkend zutage fördern und braucht nichts mehr im Dunkeln und für sich zu behalten. Mit alledem ist freilich etwas sehr Einfaches und Großes vorausgesetzt, nämlich das Vertrauen des einen Menschen in den wissenden Untergrund in dem anderen Menschen. Aber wie sollte es ohne dies Vertrauen auf die unerschütterliche Grundlage des eigenen Wissens im anderen ö Ö Menschen zum gemeinsamen Denken, zum Zusammendenken kommen? Die Gemeinverständlichkeit unserer Gedankengänge und unserer Sprache setzt eben dies Vertrauen voraus. 297