Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823785--0302-2824372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schule eingedrungen. Und bewirkt dort, daß kein Einzelner mehr die immer weiter geteilten und getrennten wissenschaftlichen Fächer der Schule mit dem, was er selbst täglich tut, schaut und erfährt, und also von sich aus weiß, zur Deckung zu bringen vermag. So ist das Schulwissen, die Schulweisheit arg in Verruf gekommen, weil sie die Schuler unlustig zur Tat, weltfremd im Denken und unselbständig in jeder Beziehung mache. Andererseits wird besonders in letzter Zeit, um diese verstopfende Wirkung des Schulwissens wieder aufzuheben, das Fachwissen unter dem Gesichtswinkel der unmittelbaren Verwendbarkeit gelehrt. So daß hier also wissenschaftliche Bildung zum großen Teil mit der Einsicht in die technischen Errungenschaften der Zeit zusammenfällt, die zu keimen im Existenzkampf überlegen macht. So ist der in sich elementare Widerspruch „Angewandte Wissenschaften" heute ein ganz harmlos gebrauchter Begriff geworden, der das Blickfeld der allermeisten füllt und das eigentliche Wissensziel, das immer nur sein kann, wissen aus sich heraus und um seiner selbst willen, völlig verdeckt. Also Anhäufung vielgeteilter Wissensstoffe, dazu neuerdings das Regulativ der sofortigen Nutzbarmachung einzelner fachwissenschaftlicher Ergebnisse, aus diesen beiden sehr verschiedenen Bestandteilen setzt sich unser Schulwissen auf Schulen und Hochschulen zusammen. Diese Teilung fällt größtenteils zusammen mit der sauber durchgeführten Teilung in Natur- und Geisteswissenschaften, die sich überall beziehungslos gegenüberstehen. Damit werden zwei nicht nur im Stoff, sondern auch in ihrer ganzen Art und im Tempo völlig verschiedene Vorstellungen von Wissen an die Lernenden herangebracht. Das Wissen aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich wird auf Vorrat, gewissermaßen auf Lebenszeit gesammelt. Man lernt es auswendig, wie der bezeichnende Ausdruck lautet, oder, wenn man es auch wirklich in sich aufnimmt, so doch, ohne einem inneren Gesetz der Auswahl dabei folgen zu können. So lernt man gleichzeitig mathematische Formeln, fremdsprachliche Vokabeln, aber auch die wichtigsten philosophischen Systeme, die heimatlichen Bauwerke, die geschichtlichen Ereignisse der letzten hundert Jahre, alles nimmt man in bunter Folge in sich auf, um es bei sich zu behalten und auf alle Fälle bereit zu haben. Das Wissen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich wird dagegen heute mehr und mehr allein als theoretische Grundlegung für den großen Aufschwung der Technik gelehrt. Man läßt