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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 48)
Language
German
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Zeit zunehmende Bewußtheit, als steckte darin das Übel, das den Alternden starr werden läßt. Die Furcht ist unbegründet. Denn der Trieb zu wissen, solange er im Wachstum ist, kann nicht alt machen. Erst der zur Schau gestellte Besitz eines bewußten Wissens zeigt allerdings an, daß es mit der ..Unschuld46 der Jugend endgültig vorbei ist. Wie es kein gleiches Wissen für alle oder für alle Stände des Volkes gibt, ebensowenig gibt es ein gleichbleibendes Wissen durch die Folge der Lebenszeiten. Darum ist Wissen nicht übertragbar, wie ein Stück Brot. Die ältere Generation kann eine jüngere nicht wissen „lehren", sondern sie kann höchstens diese Jugend bis zu einem gewissen Grade unter günstigen Bedingungen, aber doch eben nur selbständig, ihre eigenen Erfahrungen machen lassen. Hier sei an die uralte Bedeutung, die in dem Wort Erfahrenheit noch anklingt, erinnert. Erfahren kann ja nur sein, wer selbst die Fahrt mitgemacht hat, kundig kann nur sein, wer selbst auf der Wanderschaft, als „Kunde", sich die Kenntnis verschaffte. Erfahrungen, Kenntnisse, Wissen fallen dem Menschen „unterwegs", „beiläufig" zu, wenn er nur sein Ziel fest im Auge behält. Da wächst dann das Wissen bei immer weiter greifenden Zielen, je nach der Wucht der eigenen Lebensbewegung. Auf diesem Wege kann der Einzelne, wie er Gefährten finden kann, so auch wohl zeitweise einen Führer finden. Alles was dieser nun etwa übungsmäßig schulen kann, ist nicht das Wissen des Jüngeren, sondern nur seine körperliche und geistige Fähigkeit. Ob und wie weit dann der andere seine Fähigkeiten braucht, um damit in das W issen zu dringen, das kann er ihm nur selbst überlassen. Es gibt keine Wissensschulung, sondern nur vorbereitende Sinnes- und Denkschulung. Nun könnte man hier mißmutig einwenden: Das ist ein Streit um Worte. Aber es ist mehr als ein Streit um Worte. Diese beiden durcheinander gebrachten Begriffe deuten auf die durcheinander gebrachten geistigen Gegensätze, jene Vermischung der Begriffe, die nun schon überall nicht mehr unterscheiden läßt, was Weg und was Ziel sei. Fast die gesamte heute noch gültige Pädagogik, mit Einschluß auch der meisten Reformbestrebungen, nimmt geistig Stellung für die Lehrbarkeit, Übertragbarkeit, Objektivität des Wissens, so als wäre es Stoff. Die Stundenpläne und Studienpläne der Schulen und Hochschulen teilen diesen Stoff ein. Und die Wortverkoppelung Wissens-Stoff besagt schon alles. Der verstofflichte Wissenschaftsbegriff ist ja bis in die letzte Dorf- 294

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