Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823785--0300-2824370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
seien, könnten jetzt nun gestürmt werden, wie vor kurzem die Königsschlösser oder die Fabriktore oder die Sparkassen und die Banken. Um dann im Besitz dieses Wissens und der Macht, die dadurch - so glaubt man - erreicht wird, die politischen Verhältnisse grundlegend ändern zu können. Diesem grundlegenden oder vielmehr grundversperrenden Irrtum kommt der Irrtum von der Seite der besitzenden Klassen entgegen. Gegenüber der Vorstellung, daß man Wissen rauben, steht dort die Vorstellung, daß man Wissen besitzen könnte. Man glaubt, diesen Wissensschatz verteidigen zu müssen vor dem Zugriff der Massen. Dieselbe dunkle Vorstellung, daß Wissen Besitz sei und also Macht verschaffe, führt also zum Angriff wie zur Verteidigung. Weil von den beiden feindlichen Seiten her auf getrenntem Wege der gleiche Irrtum begangen wird, hat man hier ein geistiges Fehlgebilde von kreisartiger Geschlossenheit vor sich, das in Zukunft besonders schwer zu zerstören sein wird. Und es wird ja tatsächlich etwas vorenthalten, aber das ist nicht der geistige Besitz des Wissens, sondern es sind die Mittel, um zu diesem Wissen in sich selbst zu kommen. Diese Mittel sind (unter anderen) richtiges, klares und bis zur letzten Schlußfolgerung durchdringendes Denken. Dieser Weg des Denkens kann einzelnen Menschen oder ganzen Ständen allerdings auf die verschiedenste Weise versperrt werden. Nur die handgreiflichste Weise ist die verschiedene Denkschulung von Volksschule und höherer Schule. Diese Sperrmaßnahme ist ja aber durch das Grundschulgesetz grundsätzlich aufgehoben. Aber eine weit schlimmere Sperrmaßnahme ist die Vorstellung, daß Denkarbeit Selbstzweck habe. Dadurch geschieht eine Ablenkung von dem wahren Ziel des Wissens auf die dahin führende Denktechnik. Diese Irreführung paßt sich der irrtümlichen Auffassung von Technik überhaupt an. Fragen wir aber jetzt zunächst noch, was haben nun die verschiedenen Altersstufen für eine Vorstellung von dem, was sie mit dem Wissen erreichen? Man sagt allgemein: Wer alt ist, hat Erfahrung. Er weiß viel. Unerfahrene Jugend weiß noch wenig, ist unwissend und unbewußt, wobei man die Unwissenheit zwar als einen Mangel, oft sogar als eine Schuld hinstellt, die Unbewußtheit aber heimlich als ein Glück ansieht, ja manchmal sogar mit der „Unschuld" des Betreffenden gleichsetzt. Dieser öffentlich-geheime Widerspruch offenbart die ganze Schwere des Problems. Man will wissen, aber fürchtet doch eigentlich die mit der ' c? 293