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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 45

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 45)
Language
German
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schiebt sich notwendig die Durchdenkung, die Denktätigkeit, also die unablässige geistige Arbeit. Weil unsere Denktätigkeit nicht tief genug wurzelt und nicht weit genug herauf reicht, sind ja unsere Worte heute so wesenlos geworden und bleiben so wirkungslos. Darum können heute Worte leichthin als bloße Worte, als Klänge ohne Bedeutung wirken und gelten. Denn trotz ihrer Entwertung bleiben natürlich Worte auch heut die schnellsten und wirksamsten Möglichkeiten geistiger Bewirkung. Aber es droht mehr als je Gefahr, daß jeder Unbefugte oder Böswillige sich ihrer als der bequemsten SchlagwafFe behebig bedienen kann, ohne daß man ihn doch entwaffnen könnte, da man diese Waffe ja nicht ernst nimmt. Wenige bemerken überhaupt nur die Unbefugtheit oder Böswilligkeit in den Worten all der falschen Propheten, Dauerredner, Schnellschreiber, Vielwisser und Schnelldenker, weil man verlernt hat, aus Klang und Rhythmus der gesprochenen - oder gar der geschriebenen - Worte sicher zu erkennen, wie stark diese Worte selbsttätig durchdacht und wirklich aus der selbständigen Wissenstiefe des Sprechers stammen. Und w as noch viel schlimmer ist: Worte von seltenem Klang und eigenstem Rhythmus verhallen in dem allgemeinen Tosen, weil ihre Durchdachtheit und Durchschlagskraft aus der Tiefe des Wissens ebenfalls unbemerkt bleiben. So verhallen überzeugungsschwere Worte, ohne sich Gehör zu verschallen, Bitten von flehendstem Klang finden keine Erhörung, Gebote und Befehle auch von unabweislicher Richtigkeit erzwingen doch keinen Gehorsam und also auch keine Gefolgschaft. Ob all diese redenden, bittenden, weisenden Worte bloß obenhin erdacht sind oder auch durchgedacht bis in die Tiefe des ursprünglichen Wissens, es bleibt sich ganz gleich. Niemand hört hin. Eine beispiellose Entwertung des Wortes hat eingesetzt. Im allgemeinen Volksempfinden ist das Wort schon zu einem fast zweifelhaften Mittel herabgesunken. Man argwöhnt, wenn einer gut redet, daß er gut lügt. Man ist allzu oft beschwätzt worden. So wird das Wort selbst als in jedem Fall unglaubwürdiges Mittel empfunden. Schon läßt sich heut niemand mehr etwas „ausreden", auch wenn er weiß, daß er im Irrtum ist. Ebenso wenig läßt er sich „zureden66, auch wenn er des Zuspruchs sehr bedürftig ist. Das Wort ist entwurzelt, haftet nur noch in den oberen Denkschichten, nicht mehr in den tieferen und hat darum nicht mehr Verbindung mit © dem ursprünglichen Wissen. Die Neuverbindung von Wort zu Wissen, die eine neugerichtete Denk- 291

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