Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 44)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823785--0297-2824367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

FRITZ KLATT WISSEN, DENKEN, SPRECHEN In der geistigen Welt ist das Denken nach zwei Seiten begrenzt und eingeengt. In der Tiefenlage durchdenken wir eigentlich weniger als wir wirklich wissen. Wir scheuen uns, unser Wissen gedanklich zu bewegen und zu bewältigen. Obenhin aber sprechen wir mehr als wir durchdacht, als wir gedanklich durchdrungen und verarbeitet haben, und somit meist mehr als wir vor unserem Wissen und Gewissen verantworten können. Unsere Gedankenwelt ist nicht tief, nicht unmittelbar genug angeschlossen an die Tiefenkräfte unseres ursprünglichen Wissens. Andererseits verführt unsere vollendete Sprache gerade den, der sie am besten beherrscht, auch am leichtesten zu unbedachtem, zu undurchdachtem Wort. Geistige Not ist da, wenn - wie es gegenwärtig geschehen ist — das Denken des Einzelnen und das allgemeine Denken eines Standes, eines Volkes die Verbindung mit den Tiefenkräften des Wissens verloren hat, wenn andererseits das Wort nicht mehr durchblutet ist von einem tief greifenden und ruhig strömenden Denken. Diese doppelte Abschnürung unseres Denkens vom ursprünglichen Wissen und vom lebendigen Wort bezeichnet den wesentlichen Schaden, den tiefsten Gefahrpunkt unseres geistigen Lebens. Die brennende Sehnsucht der Zeit ist darum, diese Doppelverbindung neu zu knüpfen. Die Wissenschaft sucht ja heute bereits Anschluß an das ursprüngliche Wissen, so wie die gegenwärtige Kunst Anschluß an das ursprüngliche Können sucht. Es wird allmählich glaubhaft, daß eine Wissenschaft von auch sehr fein geschliffenen Begriffen in sich selbst zwar sehr folgerichtig und doch im ganzen grundfalsch sein kann. Wissenschaft ohne Wissenstiefe, Brunnenanlage, ohne mehr ins Grundwasser zureichen. Man hat ferner erfahren, daß eine Wissenschaft, wenn ihre Gedankenführung nicht bis zur lebendigen sprachlichen Gestaltung durchgestoßen ist, wirkungslos bleibt und nicht zum Bildungsgut des Volkes wird. Daraus ergeben sich die zwei geistigen Forderungen für die neue Wissenschaftsbehandlung. Einmal: Prüfung der Grundlagen und neue Grenzsetzung. Und dann: Durchdenkung bis zu klaren - das besagt keineswegs immer mühelos oder allgemein verständlichen — Formen in einfachen deutschen Worten. Was wir wissen, kann wohl unmittelbar Gebärde, auch Tat, aber nicht ebenso unmittelbar Wort werden. Vor die Wortwerdung des Wissens 290

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.