Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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wollen wir nicht völlig verkommen, die letztgebliebene Form, die Sprache, zum Grund unserer Bildung zu nehmen. Was wir werden zu sagen haben, wird sich erst finden, wenn wir lernen, wie zu sagen uns ziemt. Das ist des Kindes Gang - und der Neu-Anfänger im Geist. Schulbildung muß ablassen sich auf Inhalte zu stützen (als gäbe es Inhalte ohne in Findung des Worts!), auf die Realien, auf die Idealien, oder auf ihr Gemisch; und muß dafür das Formale des Sprachguts dem Zögling zur Gewissens-Aufgabe machen, daß er Worte nur noch in Verantwortuug spricht. Doch bis dahin sei denen, die Ohren haben zu hören, wie lotterig ihr eigener Mund sprach, ans Herz gelegt, ihrerseits sprechen zu lernen. Lassen wir endlich die wüste Furcht vor der Phrase und jenen Willen zur Sachlichkeit, der Nicht-Rechenschaft meint, der das lösende Wort würgt und in ihm die Person, die in der Wortung sich zu ihrem Ausdruck will ringen. Noch die Phrase der Romanen ist nicht nur Schönrednerei (was das Gegenteil von des Worts Verantwortung vor seiner selb Wahr-Erfassung!); noch sie birgt etwas von diesem Wie und gibt dem Menschen mehr Ehre als seinem Willen und Verstand. Entlassen wir nur die Eitelkeit daraus, und lernen wir sprechen wie nicht mehr zum Zweck bloß, so auch nicht zur Lust, sondern als betendes Uns-Ausgebären im Wort zum Eintrag im Weltlebensbuch. Der Deutsche, der heute seine Sprache spricht zitternd, dies hohe Gut nicht um sich selb zu mißbrauchen, und ringend, ihren Charakter zu fassen, ihren eigenen Zug und welchen Zug der Geist aller Sprachen mit ihr schreiben will in sein Allweltbuch, tut mehr zu dem, w as man den .Wiederaufbau Deutschlands6 nennt und worum es sich gar nicht handelt - denn das ist wieder ein Wort aus der Rüstkammer der halbwegigen, unsauberen -: tut mehr an unserem deutschen Teil zur Welt-Wiedergeburt, als alle politischen, sozialen, wirtschaftlichen Bemühen. Was immer wir bereden: es in Form zu bereden, die Worte schwer ausgewogen, die Schrift gestilt und gesteilt - oder auch leicht und geflügelt, und gewiegt und gewellt -, wie fern vom Ziel auch des Einzelnen Erst-Versuch bleibe: dies ist ein Weg in den Inhalt von Deutschtum. Weil aber unseres Volkes Münder und Federn und gar seine Handlungen des Gegenteils voll und seine Ohren verstopft sind gegen die paar Wort-Wahr-Sprecher; weil immer noch, trotz Gottes Gericht, für Deutschland und in Deutschland Macht begehrt wird ohne Geist-Neugeburt und Geist entleibt wird um Wortes Geburt: deshalb ist dieser lästerlichen Volkstimme dies ent- 288