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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 37)
Language
German
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4. Wie Michelangelo den Propheten Daniel gemalt: das Weltbuch auf den Knien, mit der einen Hand gefaßt, in mächtigem Schwung aber die andere und das Haupt, auf dessen Stirn die Erfülltheit von der Lesung des Buchs arbeitet, auf die Jenseite werfend, um dort in eigene Tafel weiter zu schreiben, - so sehen wir Shakespearen sitzen; so, obwohl nicht die Geschicke der Weltkönigreiche ihm zu wissen vertraut ist, sondern nur eines einzelnen Menschenleibs Zeit- oder ewige Bedeutung; so sitzen ihn, das Weltbuch auf den Knien, und, gegenwürfig gegen die lesende Suche darin, schreibt schon der Griffel seines Sonetts das Ur- und Vorleben im Uber-Lebens-Gebot. Aber vorgreifen wir nicht! Noch verhält der dritte Viervers; noch hat Lesen Klarheit zum Schreiben nicht erbracht; noch Sehen das Sagen nicht erreicht (see-say, V. 9), das aus dem Text der l m- Schrift um das gesuchte Bild das vergleichende Urteil verlautbaren kann. Ja, seltsam! es ist gar ein unmöglicher Versuch-ein unerfüllbarer Wunsch, ein unstillbares Sehnen: das Buch der Vergangenheit liest sich uns nicht1. Das gepreßte Ol des zweiten Vierzeilers weiß schon und klagt diese Vergeblichkeit des Rücksehns. Wohl hat der Dichter auch Anlaß zu glauben, die Wundergestalt des Freunds werde ein Neues von Niedagewesenheit sein, ein Fortschritt über bloße Stufen dahin; denn sie ist ein ,composed* ivonder, ein, bei aller Geschlossenheit (in frame ausgedrückt — einheitliches Gefüg), Vielgestaltetes, Gegliedertes, Differenziertes; Wissenschaft vom Aufstieg niederer zu höheren Formen durch Organ-Komplizierung hat schon unser Dichter. Aber er hat auch Anlaß zu fürchten, daß dies sein Wunder dennoch unneu; denn ist die ,alte Welt4 Griechenlands und Roms nicht die der mustergült gen Schönheit? Da gibt er sich Rechenschaft, unabgelenkte, sowohl streng im Bild des Buchs sie verbuchend, wie mit logischer Schärfe, mit dürren Worten, unbestechlich gegen den Schmeichelwunsch seiner Sehnsucht, von dieser denkbaren, ja denknotwendigen, Gleichmöglichkeit: der Einblick ins Buch, wenn er sich tun ließe, kann auf den verschiedenen Blättern des Ehedem und Jetzt das sich wiederfindende Bild aufweisen entweder als immer dasselbe, oder aber verändert; dann vorliegt Veränderung entweder zum Besseren - das Buch ist emendiert (mended), die Fehler früherer Auflagen verbessert; wo dies Bessere sich finde, braucht dann nicht gesagt zu werden: im Wunder des Freunds!; oder das Bessere liegt im Früheren, bei den früheren 283

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