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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
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gegeben. Dem der Rabbinismus, im ,Umzäunen6 des Gesetzes schon vorgearbeitet. Vergebens, daß moderne protestantische Theologie vom Begriff der Geschichte aus will die Theopneustie humanisieren: Geschichte, auch als Geschichte der Erlösung, kann nicht Ubergeschichtlichkeit ihrer Erst-Urkunden begründen. Aber wem ist diese denn überhaupt zu begründen? Wen geht es an, ob es ewige Schrift gibt? Die juden- und christeatümliche Antwort: denen, die ihr Heil auf diese Urkunde setzen! (volkseelisch; einzel-seelisch) - reißt aufs ärgste Schreiben und Lesen aufeinander. Damit zerreißt sie die menschliche Person: für den Leser wird der Schreiber gleichgültig; ihm geht's um die Sache; für die Sache wird aber auch der Leser gleichgültig: für die Schrift, ob sie ein Leser personlieh annimmt. Dieser Trägheit des Geists widersteht an seinem Teil Shakespeare. Er liest im Weltbuch, um das Gelesene zu schreiben. Was mehr ist als Dante tat - und der das doch schon tat, nur zu schreiben, was er gelesen (Purg. XXIV, 58 fg.). Dante schreibt aus Seelen-Innerem Welt-Äußeres; Shakespeare liest aus Außen-Welt Seelen-Innerstes: ,the prophetic soul of the wide world4 (So. 107). Denn ihm ist Lesen nicht sachlich, sondern persönliche Frage an Person um Person. Was im Judentum in dem strengen Begehren, daß Jeder eigentlich die Thora solle lesen - forschend studieren - bis zu der Verurteilung geht: „verflucht ist der ,am ha^arez': der Erdboden-Mensch", der seine Niedrigkeit, die das Geistbuch nicht liest, als mensch-genüglich geachtet sehen will,-davon fühlt den echten Grundzug Shakespeare in sich: Weh dem, dessen Ich nicht fortwährend aus dem Strom der Tradition sein Selb schöpft! Diese yiitarbeit an der Tradition, die das Christentum seinen Gläubigen halbwege erlassen, und die allein in Wahrheit das Recht gibt, zu fragen: was ist denn Tradition? was ist Schrift?, diese persönliche Verantwortlichkeit für den Fluß der Worte liest freilich auch, was die Früheren geschrieben, als geschrieben aus persönlicher Verantwortlichkeit, mit der jene selb das Buch bis auf ihre Zeit-Seite gelesen. Schrift ausweist sich heilige, göttliche Schrift dem nur, der rückwärts so in sie dringt, daß er ihren Archetyp vorwärts tradiert - selb des gelesenen Buchs geleibter Buchstab werdend; für die dies nicht adspirieren, gibt es keine Inspiration. Und zwar gilt das Ziel dieser Lese-Schreib-Arbeit durch die Kette der Personen dem Finden der Person, des Leibmenschen, in dem der Gottgeist sein Buch schließt wie er es auf ihn angelegt. In dieser Wahrheit steht Shakespeare, laiiseh-untheologiseh- 281

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