Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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nen fortlaufenden Text von Erzählung: Geschichte also als zum Weltwesen gehörig, Geschehen als den Ausdruck von Sein. Piatos schaubildliches Sein bedarf keines Werdens und drückt in ihm sich nicht aus. Shakespeare aber schaut nicht nur, sondern schreibt auch am Weltbuch. Weshalb eben Welt er als Buch muß beschreiben. Weshalb er auch abseitig-selbständig denkt von dem die Gelehrtenstühle auch seiner Zeit noch beherrschenden aristotelisch-platonisch-scholastischen Universalien-Streit; denn Shakespearen geht es nicht um Ding oder Uberding und was Begriff sei, sondern um Person, gegebene sowohl wie zu schaffende, und um den Geist, der sieh persönlich schreibt als der Schrift sowohl Vorwie In-steher. 2. Im Nerv aber rührt Shakespeare an die religiöse Bedeutung der Schrift. Wie sie sich ausgeprägt hat in dem jüdisch-christlichen Streit über die oTor/tia rov xoguov, über die Welt-Elemente, als welche die Elernentar- Buchstaben sind. Und wie sie anknüpft an die Zauberbannkraft, die jede Religion ursprünglich in Schrift weiß. Denn Schrift bedeutet allemal einen geistigen Verhaft: Festlege und Selb-Festlege des Geistes. Sei's, daß der Geist selb seine Freiheit verliert durch sein Selb-Binden an Schrift, nach dem Glauben der Menschen, sei's, daß er frei dies Glauben zerreißt. Wobei die heidnische Deutung magischer Religion kosmische Schrift astrologisch liest: die gestirnlichen Schriftzeichen, in denen die Gottheit sich festlegt in ihre Offenbarer-Gestalt und das Geschick der Menschen festlegt. Und wovon Menschenschrift ein Nachgotteswerk ist. Aber Judentum hat mit Geistes Freiheit Gottheit herausgerissen aus diesem Zauberring der Verknechtung; auch in der ausschweifendsten jüdischen Naturphilosophie sind es Engelmäehte nur, nicht die Gottheit selb, die in den Welt-Elementar-Buchstaben ihr Gesetz schreiben; wie es denn darum heißt: ,das Gesetz habt ihr empfangen als der Engel BefehP. Gott bleibt zwar dem Talmud an die Thora gebunden, aber nicht als an Gesetz, sondern als an Lehre, als an die Fülle der Erkenntnis - Gott kennt sich in seinen Tiefen unaufhörlich aus und dies Auskennen äußert ihn unaufhörlich in Offenbarung; ,Thora4 bedeutet ja weit mehr als , Schrift \ Das Christentum nun fortsetzt diesen Befrei-Kampf ins Menschliche. Das ist der, den Heutigen unerkannte, Sinn der Polemik der Apostel Christi ge- 271