Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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wohl man mir dies nicht verzeihen wird - ein Wille. Dieser Wille nun schafft jenes enchantement et assoupissement surnaturel, jene offenkundig übernatürliche Bezauberung, von der bei Pascal die Rede ist und die weder Kant noch die Erkenntnistheoretiker, die den Weg Kants einschlugen, jemals etwa auch nur geahnt haben. Weder die Mathematik, noch die sich nach der Mathematik richtenden Wissenschaften vermögen das menschliche Bewußtsein zu entzaubern und es von den übernatürlichen Zauberbanden zu befreien. Ja, strebt die Wissenschaft überhaupt eine ..freie" Forschung an? Sucht sie den Weg zur Wirklichkeit? Ich habe bereits vorbildliche Gedanken solcher mutigen Männer wie Kant und Hume angeführt. Sobald sich ihnen irgend etwas Außergewöhnliches in den Weg stellte, zogen sie sich sofort in ihre Schneckengehäuse zurück und entschieden, daß dies gerade das sei, was man nicht sehen müsse, ja, daß es das sei, was nicht ist - nämlich ein „Wunder". Zur größeren Anschaulichkeit will ich noch ein weiteres Beispiel aus dem Buch eines neuzeitlichen, sehr bekannten und einflußreichen Philosophiehistorikers anführen. Um seinem Leser den Sinn und die Bedeutung der von Schelling auf Hegel vererbten „Identitätsphilosophie" zu erklären, welch ersterer seinerseits durch die Bücher Spinozas „erleuchtet" worden war, schreibt der gelehrte Historiker folgendes: „Solange man die Erkenntnis sich nach dem Gegenstand ,richten läßt6 in dem Sinne, daß dieser ein Ziel bezeichnet, das für sich bei aller noch so großen Annäherung doch immer ein äußerliches ist und bleibt, so lange bleibt die Zusammenstimmung des , Subjektiven' und des Objektiven6 ein unbegreifliches Wunder. Dieses Wunder schwindet nur erst" usw. Ich könnte eine beliebige Anzahl von Beispielen solcher Urteile auswählen. Aus ihnen geht deutlieh hervor, worin der Grund„glaube" der Wissenschaft und Philosophie besteht^ welch letztere sich ständig nach der Wissenschaft umblickt, in der Uberzeugung, daß, wenn sie mit der Wissenschaft nicht in gutem Einvernehmen lebt, sie unvermeidlich „vom Antlitz der Erde hinweggefegt werden wird" (die in Anführungszeichen gesetzten Worte stammen ebenfalls nicht von mir, sondern von einem sehr berühmten Philosophen der Gegenwart). Das Wunder ist „unfaßbar", da man es nicht in die Netze der „allgemeinen und notwendigen Urteile" einfangen kann. Ergo: wenn es sich unseren Augen darbieten w ürde, so würde uns unsere Wissenschaft lehren, es nicht zu sehen. Sie kann sich nicht beruhigen, solange nicht alles 266