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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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ausgedrückt: man darf nicht ungestraft den gesunden Menschenverstand und die Wissenschaft mißachten. Gerade deshalb hatten es Hume und Kant so eilig, die gesehenen Wunder zu vergessen, und gerade deshalb klammerten sie sich so fest der eine an die Gewohnheit, der andere an die synthetischen Urteile a priori. Ihre Schüler und Verehrer fühlten dies - und dies garantierte den Erfolg ihrer Philosophien. Wer sich vor dem Absturz fürchtet, muß an die „Aufrichtigkeit" Spinozas glauben, muß auf Hume und Kant hören und - sich vor allem Außergewöhnlichen und „Wunderbaren44 durch das erstbeste Mittel schützen . . . Und doch haben Spinoza und alle jene, die von Spinoza ausgingen und geistig von ihm zehrten, den Menschen eine Lüge verkündet. Ks bedarf keiner weiteren Worte: man darf nicht ungestraft den gesunden Menschenverstand und die Wissenschaft mißachten - das offenbart den Menschen ihre „alltägliche Erfahrung'*. Aber es gibt noch eine andere Erfahrung — und diese offenbart uns anderes. Sie offenbart uns, daß man ebenfalls nicht „ungestraft" sich dem gesunden Menschenverstand und der Wissenschaft anvertrauen darf. Und daß sowohl jener, die sieh ihnen anvertrauen, als auch jener, die sie mißachten, eine „Strafe*" harrt. Ist etwa die Thrazierin, die den Thaies auslachte, dem Abgrund entgangen? Wo ist sie? Wo ist ihr heiteres Lachen geblieben? Hierüber schweigt die (re¬ Schichte! Die Geschichte, eine rätselhafte Wissenschaft, die von den Taten längst dahingegangener Menschen berichtet, erinnert sich niemals daran, was der „Sieger" harrte, und was für Abgründe für sie bereitet waren. Man kann viele Bände geschichtlicher Werke auswendig lernen und doch eine so „einfache" Wahrheit nicht wissen. Je mehr historische Werke man liest, desto gründlicher vergißt man die einfache Wahrheit, daß der Mensch sterblich ist. Es ist, als stellte sich die Geschichte die Aufgabe, das Leben so zu rekonstruieren, als stürben die Menschen niemals. Ja, so ist es. Die Geschichte hat ihre eigene Philosophie, und diese Philosophie verlangt von ihr gerade eine solche Rekonstruktion der menschlichen Vergangenheit. Wie hätte anders unter den Menschen der unsinnige Mvthos entstehen können, daß die Bereitschaft, der Wissenschaft und dem gesunden Menschenverstand zu folgen, Straflosigkeit garantiere? Es ist übrigens & 7 C c? P» anzunehmen, daß die Historiker mit einer so schweren Aufgabe aus eigenen Kräften nicht fertig werden würden. Hinter den Historikern steht eine andere, unfaßbare treibende Macht, oder besser ausgedrückt - ob-

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