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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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bilde des höchsten Kriteriums der mathematischen Wahrheiten schuf. Und eine solche Philosophie erschien allen als eine „erhabene" par excellence. Die Moral, ebenso wie ihre Mutter, die Vernunft, oder das, was man Vernunft nannte, wurde autonom, eigengesetzlich. Und je „reiner", je eigengesetzlicher, je unabhängiger die Moral war, desto ehrfürchtiger beugte man sich vor ihr. Nach Kant kam Fichte und ließ wiederum Spinoza in seinem „ethischen Idealismus" neu erstehen. Der Mensch muß sich vor allem unterwerfen, und zwar einem Prinzip, das ihm ebenso fern steht, wie die von Spinoza gepriesenen Senkrechten und Dreiecke - die in ihrer demütigen L nterwürfigkeit unter das oberste Prinzip ewige und unerreichbare Vorbilder für die unruhigen und unvernünftig rastlosen Sterblichen sind. Hegel ging in der gleichen Richtung: so sehr er auch Spinoza bekämpfte, so hartnäckig er auch in seinem „Dynamismus" die Statik seines Lehrers zu überwinden suchte, so befestigte er doch in den Menschen den Glauben an die „Autonomie" der Vernunft nur noch mehr. Für ihn war die Philosophie „Selbstentwicklung" des Geistes, das heißt automatische Entfaltung des Absoluten, das durch die „Idealität" seiner Natur und durch seine Unbeseeltheit selbst die mathematischen Begriffe übertrifft. Von den Philosophen der Gegenwart will ich gar nicht reden. Ihre Angst vor der „Vernunft" ist so groß, ihr Glaube an die Unerschütterlichkeit der synthetischen Urteile a priori so unüberwindlich fest, daß es niemandem in den Sinn kommt, daß hier noch ein Kampf möglich sei. Die „Wunder", die sich Hume und Kant für einen Augenblick offenbarten, sind vergessen. Wer nicht für die Wissenschaft ist, dessen harrt das Schicksal des Thaies, er wird über kurz oder lang „vom Antlitz der Erde hinweggefegt werden" oder, wie Thaies, unter dem Gelächter junger schöner Mädchen in einen Brunnen fallen. Ich habe gesagt, daß der aufrichtige Spinoza den Menschen eine offenkundige Lüge verkündet habe. Man könnte mich fragen: Warum haben denn die Menschen ihm Glauben geschenkt? Wie ist es ihm gelungen, sie zu bezaubern, ihnen Gesicht und Gehör zu nehmen? Der aufmerksame Leser wird vielleicht schon selbst erraten haben, wie diese Fragen zu beantworten sind. Habe ich ja doch nicht umsonst auf diesen Seiten Thaies so oft erwähnen müssen. Er ist ja in der Tat in einen Brunnen gefallen - das ist keine Lüge, keine Erfindung. Und so wird jedem, der nicht unter seine Füße sieht, über kurz oder lang ein Unglück widerfahren. Anders 264

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