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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Trunkenen, wie einstmals Anaxagoras für Aristoteles. Und er wurde auch zum Heiligen kanonisiert - wir brauchen uns nur an die begeisterten Worte Schleiermachers zu erinnern: „Opfert mit mir ehrerbietig den Manen des heiligen verstoßenen Spinoza66 usw. 4. Der aufrichtige Spinoza hat mit einer bisher unerhörten Kraft und Begeisterung den Menschen eine Lüge verkündet. Allerdings war, wie ich bereits sagte, diese Lüge nicht von ihm erfunden worden. Sie lebt in der Welt seit der Zeit, da das menschliche Denken nach der Herrschaft des „Wissens" über das Leben zu trachten begann. Wenn man den Lehrbüchern der Philosophie Glauben schenken will, so geschah dies in Europa sechs Jahrhunderte vor unserer Ära und war Thaies der Vater dieser Lüge. Wenn man der Bibel glauben will, geschah dies viel früher, als es noch auf Erden nur zwei Menschen gab, und war der Vater dieser Lüge nicht ein Mensch, sondern der Teufel, der die Gestalt einer Schlange angenommen hatte. Der Bibel schenken wir keinen Glauben: Spinoza hat uns offenbar gemacht, daß man in der Bibel zwar eine hohe und noch für uns geeignete Moral finden könne, daß man aber die Wahrheit anderweitig suchen müsse. Wie dem aber auch sei, ob nun die Lüge von Thaies oder vom Teufel stammt, so bleibt doch die eine Tatsache unverändert bestehen: die Menschen sind tief überzeugt, und halten es für die offenkundigste Wahrheit, daß sie sich in der Gewalt einer seit Ewigkeit bestehenden unkörperlichen und gleichgültigen Macht befinden, der es gegeben ist, zu entscheiden, sowohl wieviel die Winkelsumme eines Dreiecks beträgt, als auch welches Schicksal des Menschen, der Völker und sogar des Weltalls harrt. Oder, wie sich ebenderselbe Spinoza mit der ihm eigenen rätselhaften und unheilvollen Ruhe ausdrückte: die Vernunft und der Wille Gottes haben mit der Vernunft und dem Willen des Menschen ebensowenig gemein, als das Sternbild des Hundes mit dem Hund, dem bellenden Tier. Jeglicher Versuch, sich der Gewalt der im Laufe von Jahrhunderten entstandenen Uberzeugung zu entwinden, zerschellt an einer ganzen Reihe im voraus zurechtgelegter, ebenfalls „evidenter66 und durch ihre Evidenz unbezwingbarer pudet, ineptum und impossibile. Eines der hervorragendsten Beispiele der Gebundenheit des neuzeitlichen philosophischen Denkens ist vielleicht der so berühmt gewordene 262

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