Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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pflegt. Er sagte durchaus nicht das, was er dachte, und zw ar tat er dies recht oft. Es ist nicht wahr, daß er seine Philosophie nicht für die beste, sondern nur für die wahre gehalten habe. Es ist auch nicht wahr, daß er, als er sie schuf, nicht geweint, nicht gelacht, nicht gezürnt, sondern nur auf das gelauscht habe, was ihm die Vernunft sagte, das heißt, was jener gegen alles gleichgültige - da nicht lebendige - Richter ihm sagte, der da verkündet hat, daß die Winkelsumme eines Dreiecks zwei rechte beträgt. Wenn man mir nicht Glauben schenken will, so lese man den ,,Traetatus de intellectus eniendatione" oder wenigstens die einleitenden \\ orte dieses Traktats. Dann wird man erfahren, daß Spinoza, wie einstmals Thaies, in einen Abgrund hinabgestürzt war und aus der Tiefe dieses Abgrundes Gott anrief. Es ist auch nicht wahr, daß er von Gott, dem \ erstand, den menschlichen Leidenschaften so gehandelt habe, wie man von Linien und Flächen zu handeln pflegt, und daß er, wie auch jener Richter, den er den Menschen aufzwang, gegen das Gute und Böse, gegen das Schöne und Häßliche gleichgültig gewesen sei und nur ,,Verstehen" angestrebt habe. Die mathematischen Prachtgewänder, in die er seine Gedanken hüllte, hatte er sich „ausgeliehen", um seinen Darlegungen mehr Gewichtigkeit zu verleihen, - identifizieren ja doch die Menschen so gern Gewichtigkeit mit Bedeutsamkeit. Aber man versuche diese Hüllen „zu zerreißen", und man wird sehen, wie wenig der wahre Spinoza jenem Spinoza gleicht, den uns die Geschichte überliefert hat. Ich wiederhole, daß er seine Philosophie nicht für die wahre, sondern für die beste hielt, im Widerspruch zu dem, was er seinem Korrespondenten so kategorisch erklärt hatte. Er selbst hat dies am Schluß seiner Ethik zugegeben: ornnia praeclara tarn difficilia, quam rara sunt, sagt er dort. Er suchte nicht nach dem verum, sondern nach dem Optimum, den Menschen aber erzählte er, der aufrichtige Spinoza, die Unwahrheit, daß es jenem, der da entscheidet, daß die Winkelsumme eines Dreiecks zwei rechte beträgt, gegeben sei, alle Fragen zu lösen, die in der unruhigen und sehnsüchtigen Seele des Menschen entstehen. Wie es geschehen konnte, daß der aufrichtige Spinoza sein ganzes Leben lang eine so häßliche Lüge verkündete, davon berichte ich an anderer Stelle. Hier will ich nur nochmals wiederholen, daß diese Lüge von den Menschen der Neuzeit als die einzig mögliche höch*te Wahrheit angenommen wurde. Spinoza erschien ihnen nicht nur als ein Weiser, sondern auch als ein Heiliger. Er ist für uns der einzig Nüchterne unter 261