Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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weltlichen und kirchlichen Schriftstellern zitiert werden, für diese nur ein Beispiel extremen Widersinns und äußerster Taktlosigkeit. Jedermann hält es für seine Pflicht, nicht nur Athen mit Jerusalem auszusöhnen, sondern von Jerusalem zu verlangen, daß es sich in Athen seine Rechtfertigung und seinen Segen hole. Der Gedanke Philons ist sogar in die Heilige Schrift eingedrungen und hat dem vierten Evangelium eine eigene Färbung verliehen. „Iin Anfang war das Wort44 - dies bedeutete: zuerst war Athen, und erst später Jerusalem. Und folglich muß alles, was aus Jerusalem kam, auf der Wage Athens gewogen werden. Der biblische Gott mußte sich einverstanden erklären, soweit er der hellenischen Vorstellung vom allervollkommensten Wesen nicht entsprach, seine „Natur44 zu verändern. Vor allem mußte er auf sein „Ebenbild44 verzichten, denn das allervollkommenste Wesen darf, das wußten die Griechen mit Bestimmtheit, keinerlei Ebenbild haben: am allerwenigsten das Ebenbild des Menschen . . Der auch heute noch für viele so verlockende ontologische Gottesbeweis (und wenn er auch von Kant abgelehnt wurde, so hat doch Hegel uns überzeugt, daß man wieder zu ihm zurückkehren müsse) bedeutet ja nichts anderes als die Bereitschaft, Jerusalem dem Gericht Athens auszuliefern. Die Idee des allervollkommensten Wesens war in Athen entstanden, und der biblische Gott mußte, um das Prädikat des Seins zu erwerben, es sich kniefällig in Athen holen, wo alle Prädikate geschmiedet und verteilt wurden, die nicht ohne allgemeine Anerkennung bestehen können. Kein einziger ,,vernünftiger<"' Mensch wird zugeben wollen, daß Gott die notwendigen Prädikate nach dem Tertullianischen Novum Organon - non pudet, quia pudendum est und certum, quia impossibile - wird erwerben können. Und das gilt nicht nur für unsere Zeitgenossen oder für das Altertum: man darf nicht vergessen, daß auch das „religiös44 gestimmte Mittelalter in Aristoteles offen den praecursor Christi in naturalibus verehrte und insgeheim den Gedanken hegte, daß der Philosophus ein Vorläufer Christi auch in supranaturalibus sei. Diese antike auch in der „düsteren Epoche44 des Mittelalters nicht gestorbene Idee erhielt ihren vollen Ausdruck in der Neuzeit in der Philosophie Spinozas. Gegenwärtig hat sie sich der Geister derartig bemächtigt, daß unter den heute Lebenden niemand auch nur argwöhnt, daß der aufrichtige Spinoza durchaus nicht so aufrichtig war, wie man zu meinen 260