Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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eines Wesens erhalte, das keine Veränderungen kennt und will, da es überhaupt nichts will und es sich weder um sich selbst, noch um irgend jemanden anderen kümmert: daß er es aus den Händen dessen empfange, das uns lehrt, daß die Winkelsumme eines Dreiecks zwei rechte beträgt. Wenn aber die Wahrheit ein so eigenartiges und unbedingt unbeseeltes Wesen zur Quelle hat, so läuft die menschliche Tugend vollständig auf Selbstentsagung hinaus. Unpersönliche und leidenschaftslose Wahrheit einerseits und die Bereitschaft, der Wahrheit alles zu opfern, anderseits - das war offenkundig das primum movens schon der antiken Philosophie. Im Mittelalter und sogar schon früher - fast seit Beginn unserer Ära - versuchten die von der Bibel inspirierten Philosophen und Theologen die ihnen von den Hellenen zum Vermächtnis gemachte „Weisheit** zu bekämpfen. Im allgemeinen aber waren diese Versuche erfolglos und von vornherein zum Mißerfolg verurteilt. Einige Jahrzehnte, bevor die Bibel den europäischen Völkern zugänglich wurde, begann Philon der Jude sich bereits um die „Versöhnung" der östlichen Offenbarung mit der westlichen Wissenschaft zu bemühen. Doch war das, was er Versöhnung nannte, Verrat. Einige Kirchenväter, wie zum Beispiel Tertullian, gaben sich hierüber Rechenschaft. Aber nicht alle sahen, wie Tertullian, worin das esen des hellenischen Geistes und die Gefahr seines Einflusses bestand. Er allein begriff, daß, wie er sich ausdrückte, Athen sich niemals mit Jerusalem einigen werde. Er allein entschloß sich - und zwar nur ein einziges Mal - in dem berühmt gewordenen Ausspruch, den ich bereits öfters anführte und den, meines Erachtens, wie ich ebenfalls bereits sagte, ein jeder von uns täglich vor dem Schlaf und nach dem Erwachen wiederholen sollte er allein entschloß sich, die Beschwörungsformel anzuerkennen, die allein uns Freiheit von der jahrhundertealten Bezauberung gewähren kann: Non pudet - quia pudendum est, prorsus credibilequia ineptum est, certum - quia impossibile. Mit solch einem Novum Organon versuchte Tertullianus an das ewige Buch heranzugehen. Nur ein einziges Mal im Laufe der zwei Jahrtausende, die seit der Zeit verflossen sind, da die Völker des Okzidents die Bibel zu lesen begannen, ist einem Menschen der Gedanke gekommen, daß alle die von der Vernunft gepriesenen pudet, ineptum, impossibile uns das Notwendigste und Wertvollste nehmen. Niemand hat die Stimme Tertullians vernommen, nicht einmal er selbst. Seine Worte sind entweder gänzlich vergessen, oder sie sind, wenn sie auch zuweilen von 259