Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823785--0265-2824335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

im Brunnen liegen sah, Susanna sagte ganz offen, daß für sie ihre Laune die einzige Wahrheitsquelle sei. Haben Sie jemals etwas Ähnliches aus dem Munde von Vertretern der Weisheit zu hören bekommen? Nicht einmal die Sophisten, die doch weiß Gott mutige Leute sind und durch ihre Kühnheit sich vor dem Gericht der Geschichte so sehr kompromittiert haben, erlaubten sich jemals eine derartige Aufrichtigkeit. Sie „stritten44 mit Sokrates: sie wollten, daß auch Sokrates und alle übrigen Menschen ihre Weisheit anerkennten, das heißt zugäben, daß ihre Behauptungen nicht ein Ausdruck ihrer „zufälligen" Wünsche und Bestrebungen, sondern etwas seien, was sie alle von einem über den Menschen und Göttern stehenden, jedoch nichts Menschliches in sich bergenden, ja auch nicht ein einziges Merkmal der Beseeltheit besitzenden Prinzip erhalten haben. Pflegte ja doch Sokrates sie gerade hiermit und nur hiermit in seine dialektischen Netze einzufangen, vorausgesetzt, daß das, was uns Plato von den Disputen des Sokrates mit den Sophisten berichtet, der historischen Wirklichkeit entspricht. Denn wenn die Sophisten, wie die heitere Thrazierin oder die sorglose Susanna, auf alle Einwände mit Gelächter geantwortet oder, sei es nun, weil sie es überflüssig fanden oder aus Verachtung gegen die allgemeinverbindlichen Wahrheiten aufs Streiten verzichtet hätten, so wäre der im Streit unbesiegbare Sokrates gänzlich wehrlos gewesen. Aber offenbar glaubten auch die Sophisten an das souveräne Recht der Vernunft, allgemeinverbindliche Wahrheiten zu dekretieren, oder, wenn sie nicht daran glaubten, so hat es dem Schicksal nicht beliebt, Spuren einer für Sterbliche so außergewöhnlichen Kühnheit in der Geschichte zu bewahren. Das ließe sich sehr gut annehmen; wissen wir doch zur Genüge, daß die Götter neidisch sind und eifersüchtig die interessantesten Geheimnisse vor den Blicken der Menschen bewahren. Wie dem auch sei, so bezeugt uns doch die Geschichte der Philosophie, daß das Wahrheitsuchen für den Menschen stets eine Jagd nach allgemeingültigen Urteilen war. Dem Menschen genügte es nicht, im Besitze der Wahrheit zu sein. Er wollte etwas anderes, etwas - wie ihm schien - „Besseres": daß seine Wahrheit eine Wahrheit „für alle44 sei. Um ein Recht hierauf zu haben, schuf er die Fiktion, daß er diese Wahrheit nicht selbst schaffe, sondern sie fertig, und zwar nicht von einem Wesen, wie er selbst, daß heißt von einem lebendigen, also vor allem unbeständigen, veränderlichen, launischen Wesen beziehe, sondern sie aus den Händen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.