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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Dreieck zwei rechte beträgt -, ob es einen Gott gibt, sondern ob man die volle Frömmigkeit bewahren kann, an die sich im Laufe der Jahrhunderte die durch die Heilige Schrift erzogenen Völker gewöhnt haben. Spinoza, der an die Unfehlbarkeit der Vernunft glaubte, fügte sich ohne zu murren auch dieser ihrer Entscheidung. Ja, man kann und muß Gott ablehnen - aber die Frömmigkeit und Religiosität kann und muß man sich bewahren. Wenn sich dies aber so verhält, so können die Begriffe „Substanz46 oder „Natur", die den Verstand eines an der Mathematik erzogenen Menschen nicht beleidigen, die für jedermann unannehmbar gewordene Gottesidee vortrefflich ersetzen. Spinozas Formel „deus natura substantia" - wie auch alle aus ihr in der „Ethik" und den der „Ethik44 vorausgehenden Werken gemachten Schlußfolgerungen - bedeuten nur, daß es keinen Gott gibt. Diese Entdeckung Spinozas wurde zum Ausgangspunkt des Denkens der Philosophie der Neuzeit. So viel man nun auch von Gott reden mag, so wissen wir doch mit Bestimmtheit, daß nicht von jenem Gotte die Rede ist, der einst in biblischen Zeiten lebte, den Himmel, die Erde und die Menschen nach seinem Ebenbilde schuf, der sowohl liebt als auch begehrt, sich aufregt und bereut, mit den Menschen sich streitet und zuweilen sogar im Streit mit den Me nschen den kürzeren zieht. Die Vernunft, die gleiche Vernunft, die über Dreiecke und Perpendikularlinien gebietet und die darum meint, daß sie das souveräne Recht innehabe, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden, die Vernunft, die nicht nach der besten, sondern nach der wahren Philosophie sucht - diese Vernunft erklärt mit der ihr eigenen Selbstsicherheit in einem keinerlei Widerspruch zulassenden Ton, daß ein solcher Gott kein allervollkommenstes und nicht einmal ein vollkommenes Wesen wäre und daß er folglich überhaupt kein Gott sei. Eines jeden, der sich weigere, die Entscheidung der Vernunft anzunehmen, harre unvermeidlich das Schicksal des Thaies: er werde in den Brunnen fallen und alle irdischen Freuden würden für ihn unzugänglich sein. 3. Dies lehrte uns der aufrichtige Spinoza. Er fand den letzten Richter für die Lebenden und Toten, beugte sich selbst vor ihm und hinterließ uns das Vermächtnis, daß die höchste, letzte Weisheit in der Unterordnung unter diesen Richter bestehe, kraft dessen willenlosen Willens die Summe 256

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