Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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den menschlichen Leidenschaften so zu handeln, als sei von Flächen und Dreiecken die Rede, er legt das feierliche Gelübde ab, aus seinem philosophischen Wortschatz alle Worte auszumerzen, die auch nur im geringsten an menschliche Wünsche, menschliches Suchen und Kämpfen erinnern. Weder das Gute noch das Böse, weder das Schöne noch das Häßliche werde, so sagt er, seine Methode des Wahrheitsuchens beeinflussen. Der Mensch sei ein Glied oder eines der unendlich vielen Glieder in dem einheitlichen endlosen Ganzen, das er bald Gott, bald Natur, bald Substanz nannte. Die Aufgabe der Philosophie aber laufe darauf hinaus, den komplizierten und erfindungsreichen Mechanismus „zu verstehen46, kraft dessen die unendliche Zahl einzelner Teile zu einem einheitlichen und sich selbst genügenden Ganzen verschmelze. Das Wort „Gott" schaffte er nicht ab und hat sogar - auch in dem gleichen Brief an seinen erzürnten Korrespondenten - betont, daß in seiner Philosophie Gott ein ebensolcher Ehrenplatz wie in den andern Philosophien eingeräumt sei: der aufrichtige Spinoza scheute selbst vor dieser Lüge nicht zurück. Ich mache auf diesen Umstand ganz besonders aufmerksam, denn nach Spinoza, der die ganze Last der Verantwortung für die in der Geschichte der Neuzeit zum erstenmal berühmt gewordene Lüge auf sich genommen hat, wurde diese Art von Verstellung fast zur philosophischen Tugend erhoben. Es ist selbst für einen Blinden klar, daß die Gleichung: „Gott== Natur Substanz" bedeuten sollte, man dürfe und brauche Gott in der Philosophie keinen Platz mehr einräumen. Anders ausgedrückt: wenn man nach der letzten Wahrheit suche, so müsse man sich ebendorthin wenden, wo sich auch die Mathematiker hinwenden, wenn sie ihre Probleme lösen. Wenn wir uns fragen, wieviel die Summe der Winkel eines Dreiecks beträgt, erwarten wir dann etwa, daß jenem, der uns die Antwort auf unsere Frage gibt, freistehe, sie so oder anders zu beantworten, das heißt, daß er eine Eigenschaft besitzt, an der wir ein lebendes Wesen von einem nichtlebenden, ein beseeltes von einem nichtbeseelten unterscheiden? Zeichnet sich doch die Mathematik durch die für uns so verführerische Exaktheit und Sicherheit und die hiermit zusammenhängende Allgemeingültigkeit und Verbindlichkeit ihrer Urteile gerade deshalb aus, w eil sie auf alles Menschliche verzichtet hat, weil sie weder ridere, noch lugere, noch auch detestari will, weil sie nur das braucht, was bei Spinoza mit dem Wort intelligere bezeichnet wird. Und wenn die Philosophie für 254