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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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zu denken, daß es den Philosophen gegeben sei, „frei" zu denken und zu forschen. Der Philosoph wächst, wie eine Pflanze aus dem Erdboden, aus der Vergangenheit hervor. Und während Thaies bei dem Gelächter und den beleidigenden Worten der Thrazierin erschrak, waren alle, die auf ihn folgten, durch seine Erfahrung schon genügend erschreckt und „bereichert". Sie wrußten bereits gut, daß wir, ehe wir am Himmel suchen, sorgfältig das betrachten müssen, was sich unmittelbar vor unseren Füßen befindet. In die Schulsprache übersetzt bedeutet dies folgendes: die Philosophie will um jeden Preis eine Wissenschaft sein. Sie ist, ebenso wie die Wissenschaft, bestrebt, ihr Wissen mit einem dauerhaften Fundament, mit einem Granitfels zu unterbauen. Kant war also voll berechtigt, in der „Kritik der reinen Vernunft" seine berühmten Fragen zu stellen, sowde auch „Prolegomena" zu einer jeden künftigen Metaphysik zu verfassen. Wenn Thaies schon auf Erden in einen Brunnen fiel, so versprachen seine Wolkenwanderungen, wie die Thrazierin ganz richtig folgerte, nichts Gutes. Wir müssen erst lernen, auf Erden sicher zu gehen, und dann wird uns auch am Himmel der Erfolg gesichert sein. Und umgekehrt: wer sich in unserer Welt nicht zu orientieren versteht, der wird auch in anderen Welten nichts entdecken . . . Hieraus scheint zu folgen, daß Hegel durchaus unrecht hatte, als er seinen berühmt gewordenen Einwand gegen die Kantsche Erkenntnistheorie aufstellte. Er verglich bekanntlich Kant mit einem Schwimmer, der, ehe er sich in die Fluten stürzt, wissen wolle, wie man schwimmen müsse. Das wäre richtig, wenn weder Kant selbst noch auch irgend jemand vor Kant jemals versucht hätte, die Welt im umfassendsten Sinne dieses Wortes, das heißt sowohl den Himmel als auch die Erde zu erforschen, und wenn alle sich nur auf die Frage beschränkt hätten, wie man sie erforschen solle. In Wirklichkeit verhielt sich alles anders: die Menschen verstanden sich schon viele Jahrhunderte vor Kant aufs Schwimmen, sie schwammen viel und gut (Kant hat dies in seinem grundlegenden Buch ganz besonders unterstrichen), und Kant stellte seine Fragen erst, nachdem er sich selbst schon mehrmals in die Fluten gestürzt hatte. Der Einwand Hegels erweist sich also, wenn man ihn ä la lettre auffassen will, als ein ungeschickter, in aller Eile gezimmerter Sophismus. Aber es besteht kein Grund zu der Annahme, daß Hegel so naiv gewesen 248

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