Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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FRANZ ROSENZWEIG EIN GEDICHT DES JEHUDA HALEVI1) Der Name Jahraus, jahrein in Deinem Haus faßt Lagerstand das Glücksvolk, wo Dein Name drin sein Lager fand. Hoch, welthoch wohnt der Name und hat Sein doch in zerschlagnem Herz und wo sich wer in Jammer wand. Und Himmelshöhn fassen ihn nicht, ob er herab zum Sinai stieg, wohnt in Büschs Dornflammenbrand. Denn nahe ist sein Weg gar sehr und gleich sehr weit, da, was er schuf, ans Selbst er und ans Andre band. Allein Gott dank ichs, wenn mein Herz Gedanken spann, und ihm nur, wenn Rede mein Mund und Antwort stand. * ★ ★ Der Widerspruch, daß Gott nah und fern zugleich ist, schießt zusammen in der Tatsache, daß er einen Namen hat. Was einen Namen hat, davon kann man reden und kann es anreden, je nachdem es abwesend oder anwesend ist. Gott ist nie abwesend, deshalb gibt es keinen Gottesbegriff (von den falschen Göttern gewiß, aber von dem wahren nicht). Gott ist der einzige, dessen Name zugleich sein BegrüF, dessen Begriff zugleich sein Name ist. Man nennt Gott nur Gott, und jeder .Name hat nur diese Bedeutung. Die Fern-und-Nähe löst dem Dichter auch das Problem des Weltzwecks, um das sich die Religionsphilosophie der Zeit mühte. Alles Geschaffene hat eine doppelte Beziehung: es ist einmal ganz einfach da, hat Sein, Selbstsein, ist sich Selbstzweck; dann aber ist es auch um eines andern, letzthin um alles andern willen. In jener seiner Selbsthaftigkeit erfährt es den nahen, in dieser seiner Gebundenheit an andres den fernen Gott; denn der Ferne ist der Gott der Welt, die immer das Ganze und ein Ganzes aus lauter anderm ist, der Nahe der Gott des Herzens, des Herzens, das nie so sehr Selbst und nur Selbst ist wie wenn es leidet. Es fällt auf, daß in dem zweiten Zweizeiler, der den Gehalt des Gedichts am kürzesten und einfachsten formuliert, für das welthoch-weltferne Sein Gottes das anschauliche Wort „wohnen44 gebraucht wird, das grade das Wuhnen der Gottesherrlichkeit auf Erden, unter ihrem Volke, in ihrem Hause bezeichnet, hingegen für das Wohnen im zerschlagnen Herzen, sogar in Abweichung vom zugrundeliegenden Bibelvers (Jes. 57, 15), das denkbar abstrakteste Wort „Sein", dies richtige Philosophenwort, das die abendländische Scholastik sich mit ihrem „Existieren46 - „Dasein44 müßte man strenggenommen übersetzen - angeeignet hat. Dieser Widerspruch erschließt eine letzte Tiefe des jüdischen Wissens und Glaubens. *) Aus dem demnächst erscheinenden Buch: Franz Rosenzweig, Jehuda HaJevi, 92 Hymnen und Gedichte deutsch (der 60 Hymnen und Gedichte 2. Ausgabe', Verlag Lambert Schneider, Berlin. 245