Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
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das Prädikat Jugend anreden und fand es ganz in der Ordnung, daß man als Äquivalent für die billige Anerkennung der „ Jugendbewegung nun das Ende der Bewegung mit dem Ende der Jugend, also mit zwanzig, spätestens fünfundzwanzig Jahren, als anständig forderte. Trotzdem und gerade deshalb um so mehr muß es gesagt werden, daß die Jugendbewegung eine Bewegung war, die zwar zunächst die Jugend ergriff, deren Inhalt aber nicht die Jugend in irgendwelchem vitalen Sinne betraf. Es hat wohl einen geheimen Sinn, daß die Jugend zum Träger einer geschichtlichen Sendung wurde, da alle Alten in der Besessenheit des Endes lebten (und sehr wenigeso ehrlich wie Stefan George). So sehr nun diese Tatsache erstaunlich ist, daß die Zwölf- bis Fünfundzwanzigjährigen in diesem Augenblick Träger der Geschichte wurden, so sehr muß heute betont werden, daß diese geschichtliche Leistung weder an die Zwölf- bis Fünfundzwanzigjährigen gebunden ist, noch allein von ihnen oder in ihrer Haltung und Form fortgesetzt oder auch nur durchgesetzt werden kann. Gerade weil ich selber das Ende der „Jugendbewegung öffentlich proklamierte1), muß ich jetzt öffentlich die Fortsetzung der Jugendbewegung" fordern. Die Leistung der Jugendbewegung ist die Form der Gruppe und des Bundes. Die isolierten Individuen wurden zurückgerufen in eine tragende Bindung, in der sie Menschen sein durften. Eine Bindung freilich, die nicht organisch war wie die alten, zerfressenen Blutsbande, sondern die beruhte auf der Wahl, auf der geistigen Entscheidung. Wenn freilich organisch das Gemäße, so war diese Neubildung viel organischer als die blutmäßige, ja sie war erst eine eigentlich menschliche. Denn der volle Mensch ging kraft der Wahl in sie ein. Mit Recht wurden also Gruppe und Bund an Stelle der Familie zur Heimat erkoren und erkämpft. Das volle Eingehen in die Bindung aber vertrug keine Scheidung, weder die von Leib und Seele, noch die von Vor- und Zunamen. Die Anrede mit Vor- und Zunamen, die Rosenstock als eine Verletzung der intimeren menschlichen Beziehungen durch Politisierung empfindet, war im Gegenteil gerade die Anzeige für tiefsten Ernst der vollmenschlichen Beziehung, vor der eine Scheidung in sachlich und persönlich, öffentlich und privat wegfiel. Im Innenraum der Bewegung J) „Jugendbewegung vor dem Ende44, in dem von Ernst Michel heraus gegebenen Sammelbuch „Kirche und Wirklichkeit44 (Jena 1923). 239