Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben umsetzt, kurz eine „fröhliche Wissenschaft*4 ist (man beachte die Verwandtschaft dieser Bezeichnung mit „Evangelium"). Weil aber der prädestinierte Denker Nietzsche nicht in solche neue Form des Denkens einleben, keinen Boden finden, keine Nachfolger schaffen kann, die nach seiner neuen Sprache verlangen, darum muß er trotzdem sein Evangelium noch niederlegen in der verhaßten Form der absoluten, „ewigen" Lehre vom Ubermenschen. Noch einmal soll das Thema und die literarische Form (also sprach Zarathustra) die erkannte Unterniens chlichkeit einsamen, abseitigen Denkens aufwiegen. Und Nietzsche besiegelt das Vernichtende dieser Notwendigkeit mit seinem Wahnsinn. Nach Nietzsche ist die Geltung einsamen, wurzellosen Denkens im Kerne erledigt. Abstraktes Denken darf sich nicht mehr die Bezeichnung „geistig" anmaßen. Der ursprüngliche Sinn des Wortes Geist, von der alten Kirche unter der Bezeichnung Pneuma gemeint, beginnt von ferne wieder faßbar zu werden: daß nämlich Geist nicht Anteil an einer irgendo wie vorgestellten Welt des Wissens oder Könnens bedeutet (,rKunst und Wissenschaft44), sondern die lebendige Verbundenheit von getrennt Gewesenen im Kerne des Menschseins. So bindet der Geist Menschen verschiedenster Gestalt, Völker verschiedensten Blutes, Generationen verschiedenster Zeit in einer lebendigen Berufung und bindet stärker als Blut und Gegenwart. Dieses Wesen des Geistes vor seinem Niederschlag in Werken und als Voraussetzung jedes lebendigen Werks wird als ungeahnte Erlösung der individualistisch zerrissenen Menschheit wieder ersehnt. Deshalb wird auch die Geschichte als Inkarnation des Geistes, und nicht das System zur Aufgabe und geheimen Sehnsucht der heutigen Wissenschaft. Aber wie dem nicht selber im Geist Verbundenen das pneumatische Wesen der Geschichte verschlossen bleibt (Spengler vertritt daher den schroffen Dualismus von Geist und Geschichte, Welt der Wahrheiten und Welt der Tatsachen), so wird es nicht erst Aufgabe der Lehre, Geschichte zu lehren, sondern geschichtlich zu werden. Genau so geschichtlich wie die Führung, d. h. verbunden mit den Gleichaltrigen und mit den Generationen vor und nach in der geistigen Einheit der universalen Aufgabe. Die Frage der Herkunft, der Verwurzelung und der Resonanz der Lehre werden entscheidend vor ihrem Inhalt. Kein Lehrer darf sieb 237