Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 102)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823784--0242-2824311
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

das Blut. Entweder der abstrakte, zerstörende Geist vermehrt das Chaos, dem sie wenigstens für ihr Alter steuern wollen, oder, wenn er wirkender Geist der Wiedergeburt wäre, würde er sie zu einer geschichtlichen Aufgabe berufen, die sie nicht verstehen und zu der sie keine Zeit haben. Alle geschichtliche Aufgabe ist eine Aufgabe, die nicht durch eine Generation vollendet werden kann. Der Geist geschichtlicher Berufung predigt daher das Warten, die Bescheidung. Eben dies aber ist diesen Führern unerträglich; sie können nicht warten, und es eignet ihnen tatsächlich eine N otaufgabe, die nicht auf sich warten läßt. Sie müssen Notgebäude errichten, damit nicht heute noch das Chaos hereinbricht. Und sie dürfen das, damit die Gestalt welthistorischer Lösung, die den luftleeren Augenblick der Geschichte beendet, eine Zeit unterirdischen Wachstums haben kann, ohne die sie überhaupt nicht wird. Es wäre ein Fehlgriff, an diese einaltrigen Führer eine Lehre adressieren zu wollen, die sie einbezöge in eine geschichtliche Aufgabe. Eine solche Lehre würde freilich auch von sich selbst aus gar nicht mehr mit der Uberzeugungskraft auftreten können, die zu einer geschichtlichen Wirkung gehört, ganz abgesehen von der Nichtgemäßheit derer, die sie anredet. Denn dies ist das zweite wesentliche Ereignis jenes luftleeren Augenblicks der Geschichte: daß der abstrakte Geist sich selber überschlagen hat. Die mythische Zeit und damit die Kraft und Dauer des Blutes ist erloschen, aber der siegreiche Geist hat sich totgesiegt. Nicht nur in seiner politischen Wirkung, die das Schreckensregiment von 1794 zeigt. Sondern in seinen Trägern selber. Die Geistvergötzung des deutschen Idealismus war eine letzte Kulmination, der unmittelbar das Chaos folgt. Das Spiel mit Begriffen wird uninteressant, weil es nicht mehr polemisch gegen uralte Mythen und Ordnungen, weil - es bloßes Spiel geworden ist. So offenbart sich der Ekel zunächst in einer wachsenden Abwendung der Denker selbst vom Geiste; man sucht einen Inhalt des Denkens, der mehr oder vielmehr weniger als Geist, nur um Gottes willen nicht Geist ist. Die ganze naturalistische und materialistische Gedankenströmung setzt hier ein. Dann aber offenbart die welthistorische Figur Nietzsche die Wurzel des Ekels. Nicht etwa der Inhalt des Denkens war ein falscher, sondern das Denken selber, das Denken als Akt, als Betätigung, als „Beruf". Das Denken, soweit es nicht aus Leben, aus Not und aus Anteil geboren ist, soweit es nicht Not überwindet, sich in 236

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.