Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 99)
- Language
- German
- Belongs to
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bei Führer und Gefolge, war es keineswegs so, daß jedes Geschlecht sich trunken in den Abgrund der Zeit stürzte. So wenig, daß hier natürlich gleichnishaft das Geheimnis des Lebens sich andeutet: nämlich, daß es überlebendes, den biologischen Tod überwindendes sein wird. Fragen wir nur, was dem Führer des Blutes das Vertrauen seiner Gefolgschaft sichert. Eben dieses, daß er kein beliebiger, kein Frischling des Tages, kein homo novus ist, sondern Glied einer in unvordenkliche Zeit, vielleicht auf die Götter zurückreichenden Kette, die sich im Lauf der Generationen wieder und wieder bewährt hat. Der Führer darf auf eine Erbfolge zurückweisen und in dieser Erbfolge sieht die Gefolgschaft ihre eigene Erbfolge. Das Erbesein, nicht die persönliche Qualität sichert ihm in erster Linie das Vertrauen; die Bewährung ist allerdings das zweite, aber sie bewährt eben nur den rechten Erben. Die Erbschaft, das Mehraltrigsein, gehört also von vornherein in den Begriff des Führers hinein. Die Frage geht wirklich nur um die Form der Erbschaft: Bluts- oder Geisteserbe. Da kann man allerdings aus dem Begriff der Erbschaft schon sagen, daß die geistige Erbfolge die dem Menschen gemäße Aufgabe darstellt. Das Tier hinterläßt Junge, keine Nachkommen, geschweige denn Erben. Erbschaft ist ein Begriff, der die Beteiligten hinsichtlich ihrer persönlichen Gestalt, ihrer Aufgaben, ihrer Sorgen, ihrer Geltung, kurz ihrer geistigen Existenz trifft. Und ferner garantiert erst eine geistige Erbfolge das Überleben um jeden Preis, Uberleben, das auch über den eigenen Tod hinwegkommt. Das Geschlecht des Tieres stirbt, die Stämme undVölker werden vernichtet, verschmolzen usw. Damit ist ihr Mythos, den nichts anderes trug als sie selber, zu Ende. Sind sie aber nicht nur sie selber, sind sie Träger und Erfüiler einer Aufgabe, die über sie hinausgreift, einer Aufgabe, die bis ans Ende der Zeit weitergeht, so können sie nicht durch den Tod vernichtet werden. Sie sind auf den Tafeln der Geschichte bewahrt. Das heißt nicht, daß in irgendwelchen Büchern von ihnen geschrieben steht (in diesem Sinne meint man allerdings heute, die primitiven oder exotischen Völker gehörten zur Geschichte), sondern ihre Kraft und ihr Wert lebt in anderen weiter, so deutlich und wesentlich wie in ihnen selber. Es ist einer der ergreifendsten und größten Augenblicke der Geschichte, als die deutschen Stämme sich selber als Erben des römischen Imperiums begreifen lernen. Sie leben damit ein in ein neues Leben, das mit ihrer Stammes- 233