Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823784--0238-2824307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Papst und Kaiser, Mönch und Ritter, der zölibatäre Geist und das nicht - vergeistete Blut. Aber das geistliche Schwert hatte den Primat. Das Blut wurde dem Geiste dienstbar gemacht und dadurch indirekt in die geistige Aufgabe einbezogen. Es blieb nur um des Geistes willen; selbst die geistig gegründete Ehe verfiel dieser Zweitrangigkeit alles Blutsmäßigen. Aber der Geist fraß weiter, selbst gegen den Willen seiner Träger. Er erklärte sich absolut, er wollte nicht dienen, sein Ruhm war es, abstrakt zu sein, d. h. mit dem Leben nichts zu tun zu haben. So notwendig die absolute Kampfeshaltung gegen das Blut war, um das Gefühl universaler Verflochtenheit und universaler Verantwortung zu verankern, so verhängnisvoll wurde sie für das Leben selber, dessen Wurzelkraft aus dem Blute stammt. Das System rationaler und nicht persönlicher Herrschaft, wie es im Kirchenstaate durchgehends und in der ganzen Welt nach der Seite ihrer kirchlichen Verwaltung zuerst sich durchsetzte, wurde das unmittelbare Vorbild des rationalisierten und mechanisierten Staates seit dem Absolutismus. Die Macht der abstrakten allgemeinen Lehre, wie sie von der Kirche zuerst an den Universitäten eingesetzt wurde gegen die dumpfen Bindungen der Mythen (bis zum Mythos des Kaisertums), wairde die unmittelbare Erweckung des Rationalismus, der Verstandesmäßigkeit ä tout prix, die für alle zutraf, weil sie für niemand ganz zutraf, weil sie für niemand das eigene, erlösende Wort sprechen durfte. Und das geistliche Leben des Mönchtums, das sich frei wußte von aller Bindung der Herkunft und irdischen Aufgabe, wurde in unmittelbarem Umschlag zu jenem utilitarischen Individualismus, für den alle Lebensgemeinschaft und schicksalhafte Verflochtenheit nur dann und so lange eine Realität war, als er sie sich verstandesmäßig dem eigenen Vorteil dienend konstruieren konnte oder wollte. All das aber führte erst zu der Wurzellosigkeit des Lebens, die im 19. Jahrhundert den Verfall aller Ordnungen, Hierarchien, Stile, Formen nach sich zog und so das Gefühl für Dauer, den Willen zum überlebenden Schaffen preisgab. Jetzt erst herrscht jede Momenthaftigkeit des Lebens, jene Einalterigkeit der Geschlechter, die Rosenstock zum Substrat seines Führerbegriffs macht. Zu Unrecht, wenn nicht diese bestimmte Epoche damit getroffen sein soll. Denn solange die Macht des Blutes in Kraft stand, 232