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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 97

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 97)
Language
German
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sam werden, wenn ein drittes Jahrtausend die nachchristliche Geschichte sinnvoll fortsetzen soll. So kommt es darauf an, den welthistorischen Sinn dieser Spannung herauszustellen, um für ihre zeitliche Bedingtheit und ihre Lösung offen zu werden. Die Spannung ist erzeugt worden durch die Kirche, und zwar in einem absolut wesentlichen Sinn, dessen sichtbarer Ausdruck nur der zweifache Angriff auf das Kaisertum unter Gregor VII. und Innozenz III. war. Die Kirche, die sich räumlich als universalste Gemeinschaft der Menschheit (z«^ o///: r/]c ■//]•; über die ganze Erde hin), zeitlich als Trägerin der universalsten, bis an das Ende der Welt gehenden Aufgabe begriff, konfrontierte sich den Gemeinschaften und den Aufgaben, die sich nicht als Teil ihrer eigenen begreifen ließen oder ihre Teilhaftigkeit zur Ganzheit fälschen wollten. Die Verwirklichung der erlösten Menschheit durch alle Zeit wurde der Zielpunkt, vor dem jede besondere Gemeinschaft, jedes Zeitalter, sich rechtfertigen mußten. Wie aber sollte diese Rechtfertigung geschehen, wo niemand außer der Kirche die Aufgabe begriff? Die Welt mußte erst von ihrer Zersplitterung in luftdicht verschlossene Sippen, Stämme, Völker wegerzogen werden zur Kirche hin, damit sie dort allererst sehen lernte, ihrer universalen Aufgabe gewahr würde. Der politische Einsatz der Kirche, das Opfer ihrer nur geistlichen Existenz, die Zertrümmerung alles dessen was ihr widersprach, kurz das, wogegen die Reformation protestierte, war notwendig, um das Ziel einer neuen Politik zu erreichen, die nicht aus der Macht des Einzelnen, sondern aus dem Geist der Gesamtheit geboren war. Darum verfestigt sich dieser Einsatz in dem großen Kampf des Geistes gegen die Macht des Blutes, das in Sippen und Stämmen eine natürlich geschlossene Gemeinschaft, im Adel eine nicht weiter verantwortliche Erbschaft der Führung erzeugt hatte. Der Kampf mit der Sippe um die Souveränität der Ehe (als eines durch den consensus der Beteiligten, d. h. geistig gegründeten Bandes), der Kampf gegen den Blutsadel um die Souveränität des Priesters (als des Trägers einer geistigen Erbfolge) sind die großen symbolischen Brennpunkte. Das erste Ergebnis des Kampfes aber war das labile Gleichgewichtssvstem des hohen Mittelalters: Die restlose Zertrümmerung der Kräfte des Blutes durfte nicht gelingen, solange nicht der Geist so mächtig war, daß er selber wieder Blut werden konnte. So blieb beides: geistliches und weltliches Schwert, 231

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